Richard II. "Jammerlappen mit Größe"
Berlin - In drei Stunden hechelt er den Text so rasend durch, dass garantiert kein Zuschauer - etwa in einem Moment des Innehaltens - über die Frage ins Grübeln gerät, ob die Geschichte einer ebenso zynischen wie sentimentalen Machtclique am spätmittelalterlichen englischen Königshof vielleicht auch etwas mit ihm zu tun haben könnte. Es wird zwar mit Dreck geworfen, mit Blut und Wasser gespritzt - aber die unsichtbare vierte Wand bleibt undurchdringlich. Die Anzüge der Zuschauer werden so wenig beschmutzt wie ihre Hirne von irgendwelchen subversiven Reflexionen infiziert werden.
Nicht nur die oberflächliche Flottheit und das halbmoderne Bühnendesign von Achim Freyer erinnern an den "Arturo Ui", jene Inszenierung, mit der der selige Heiner Müller weiland dem "BE" seinen größten und dauerhaftesten Erfolg bescherte. Wie im "Ui" gibt es auch hier ein hierarchisches Bauprinzip, das alle Schauspieler auf den einen Star in der Mitte konzentriert. Michael Maertens ist dieser König Richard, der leichtfertig seine Krone verspielt und erst im Verlust eine tragische Ahnung davon bekommt, was Gottesgnadentum bedeuten könnte.
Maertens wächst allmählich in jene Position, die früher, am Wiener Burgtheater, Gert Voss in Peymanns Inszenierungen ausfüllte. Er ist der Schauspieler, der den Abend auf seinen schmalen Schultern über die Gartenzäune des gepflegten Mittelmaßes hinaus in wilde weite Land der wahren Tragik trägt.
Seine Stimme ist ein musikalisches Instrument, das er vom hysterisch brüllenden Furioso sekundenschnell auf das verzweifelte Pianissimo einer kleinlaut mit Gott hadernden Seele hinunterregieren kann. In der weinerlichen Raubmördergesellschaft des Hofes - ständig ist in diesem Stück von Tränen die Rede - ist er die größte Heulsuse, aber auch der einzige Jammerlappen mit Größe.
Wenn Maertens der Solist und die anderen das Orchester sind, dann ist Thomas Brasch der Lieferant der Partitur: Er hat das Drama in leichte, biegsame Verse übersetzt, ohne sich diesmal von seinem Neigung zum allzuflotten, vermeintlich modernen Jargon übermannen zu lassen. Brasch und Maertens sind die beiden wahrhaft gewaltigen Grundsteine, auf denen Peymann ein postmodern-glitzerndes Shakespeare-Schlösschen errichtet hat. Die Schickeria der Neuen Berliner Mitte, die am Premierenabend wie rasend applaudierte, wird sich darin genausowohl fühlen wie im Kaufhaus Lafayette oder in den Gourmettempeln rund um den Gendarmenmarkt.
"Richard II." am Berliner Ensemble
Termine: 1./2., 7., 12./13. 17.-19. Juni, Karten: 030 284 08 155 oder
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