Robert Wilson: Katastrophe als Kopfgeburt - DER SPIEGEL
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Robert Wilson Katastrophe als Kopfgeburt

Der amerikanische Star-Regisseur Robert Wilson reanimiert in einem Berliner Theater den berühmten Stummfilm "Das Cabinett des Dr. Caligari".
Von Joachim Kronsbein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bühne leuchtet knallblau. Doch dem Meister ist das Licht noch nicht intensiv genug. Geduldig und konzentriert probiert er immer neue Effekte aus; so lange, bis genau die magische Stimmung erreicht ist, die er für diese Szene braucht: ein kühles Geheimnis. Robert Wilson, Theaterzauberer mit langjähriger internationaler Praxis, probt bis zur Erschöpfung aller Abteilungen im Deutschen Theater in Berlin "Doktor Caligari", seine Adaption des legendären Stummfilms "Das Cabinett des Dr. Caligari" von 1920. Am Dienstag dieser Woche hat die Produktion endlich ihre verspätete Premiere. Irgendwann als Student in Texas, verrät Wilson, 60, in der Mittagspause bei wässrigem Kantinen-Salat, habe er den Stummfilm von Robert Wiene zum ersten Mal gesehen. Die ungewöhnlichen Bilder hätten ihn nie mehr losgelassen. Und die Story. Mit der Creme der damaligen Hauptstadt-Schauspieler ­ Werner Krauß und Conrad Veidt etwa und der Debütantin Lil Dagover ­ erzählt der ansonsten cineastisch eher unbedeutende Regisseur Wiene die schreckliche Geschichte des Dr. Caligari, der von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zieht und dem staunenden Publikum in seinem Cabinett einen scheinbar willenlosen Nachtwandler präsentiert. Eines Tages, in einer norddeutschen Kleinstadt, kommt es zu mysteriösen Morden. Gerüchte wirbeln durch die Stadt. War es das somnambule Medium? Oder gar der unheimliche Doktor selbst? Als sich der Ring um den Schausteller zuzieht, flieht er in eine Irrenanstalt. Doch, o Graus, die Verfolger entdecken, dass der Direktor des Instituts und Caligari identisch sind. Doch das ist lange noch nicht das Ende. In Wahrheit nämlich, so suggeriert eine Rahmenhandlung des Films, ist die ganze gruselige Geschichte die bloße Kopfgeburt eines jungen Mannes, der sich in seinem eigenen Wahn die ganze Katastrophe ausgedacht hat. Der Film sorgte nicht nur durch seine ungezügelt expressiven Dekorationen für Aufsehen, die plakativ und ohne rechten Winkel eine aus den Fugen geratene Welt symbolisierten; er wird auch bis heute als ein künstlerisches Schlüsselwerk der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg interpretiert. Und als weitsichtige Erklärung für den späteren Erfolg des Hitler-Faschismus. Ihre Erfahrungen mit der modernen Kriegsmaschinerie, das Massensterben in den Schützengräben von 1914 bis 1918 und der Zusammenbruch der alten, monarchistischen Ordnung ­ all dies verdichteten die beiden Drehbuchautoren zu ihrer bis heute beklemmenden Parabel. "Eine Staatsautorität, die uns zwang, an einem unsinnigen Krieg teilzunehmen", schrieb Hans Janowitz, einer der Autoren, später, sei in ihrem Film durch "den großen Psychiater, den berühmten und geachteten Direktor der Irrenanstalt, charakterisiert" worden, "der sich selbst in Dr. Caligari, den Mörder, verwandelte". Auf den Schlussproben im Deutschen Theater lässt Robert Wilson immer wieder Christian Grashof, seinen Caligari, eine steile Rampe hinaufbalancieren. Immer wieder muss er mit einem langen roten Stab in der Hand im genau richtigen Moment eine komplizierte Drehung ausführen. Sein Kostüm, eine Art verfremdeter Gehrock mit einer überlangen Schleppe, ist dem Schauspieler sichtlich im Wege. Grotesk verlangsamte Bewegungen und die weit aufgerissenen Augen im weiß geschminkten Gesicht des Schauspielers verweisen auf die berühmte expressionistische Vorlage. Aber eine Kopie ist Wilsons Version, in der es so gut wie keinen gesprochenen Text gibt, nicht. Er gehe mit dieser Arbeit, sagt der Regisseur, "zurück zu den Wurzeln". Zurück zu den grandiosen Anfängen, als er, der Amerikaner, den im Regie-Theater fest verankerten Europäern ein fulminantes Bühnenspektakel der minutiös inszenierten Langsamkeit vorführte; als er heute noch legendäre Aufführungen zeigte wie Ende der siebziger Jahre "Einstein on the Beach", in denen die Sprache nichts und retardierte Bewegung und sphärische Musik alles waren ­ zusammengehalten durch die Macht magischer Bilder und hochprofessioneller Beleuchtungseffekte. Inzwischen hat sich Wilsons Stil perfektioniert ­ einige Kritiker spotten, er habe sich bloß konfektioniert. Der Regisseur arbeitet an verschiedenen Projekten gleichzeitig, zieht ­ ein Caligari der Kunst ­ wie ein Wanderzirkusdirektor durch die Theaterlande und öffnet fast im Monatsrhythmus immer wieder sein Wunder-Cabinett. Nach dem Berlin-Gastspiel folgt am 19. April in Prag Leos Janáceks selten gespielte Oper "Osud" ("Schicksal"), und am 20. Mai soll Wilsons Inszenierung von Wagners "Götterdämmerung" in Zürich herauskommen. Irgendwann, so hofft er, will er sogar seine Büchner-Arbeiten ­ "Dantons Tod" (1998) und "Woyzeck" (2000) ­ in Berlin mit "Leonce und Lena" zu einer Trilogie bündeln. Aber bis dafür Zeit ist, muss ein viel dringenderes Problem gelöst werden. Das Gelb, in dem eine schmale Säule auf der Bühne erstrahlt, gefällt dem Lichtmagier gar nicht. Dieses Gelb passt nicht zum mysteriösen Blau.

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