RTL2-Soap "Der Bluff": Erst Goethe, dann Gangsta - DER SPIEGEL
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RTL2-Soap "Der Bluff" Erst Goethe, dann Gangsta

Was ist denn das für ein Theater! RTL2 lässt in einer neuen Doku-Soap Normalbürger in kuriose Rollen schlüpfen. Wenn ein Student zum Gossen-Rapper mutiert, wird aber nur deutlich, was längst alle wissen: Identität ist eine fragile Angelegenheit im Medienzeitalter.
Von Christoph Cadenbach
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der amerikanische Soziologe Erving Goffmann hat eine bestechende These aufgestellt: Wir alle spielen Theater, immer, zu jeder Zeit. Der Mensch passt sein Verhalten fortwährend bereits bestehenden Rollenvorbildern an. Der Kellner mimt den Kellner, der Klassenclown spielt das, was er sich unter einem Klassenclown vorstellt - alles unbewusst natürlich. Die vorsätzliche Maskerade hingegen ist ein befreiender Ausnahmezustand, ein Riesenspaß für Verkleidete und Zuschauer, siehe Karneval oder Motto-Partys.


Demnach dürfte die neue RTL2-Doku-Soap "Der Bluff" ein vielversprechendes Konzept sein: Ein Proband darf für vier Wochen eine andere Rolle - hier heißt das Profession - probieren. Die Kamera begleitet ihn dabei. Imbissfrau Derya tauscht ihre Grillzange gegen ein Filetiermesser ein und brutzelt sich hoch zur Sterneköchin, Schafscherer Florian frisiert auf einmal Prominentenköpfe und die Einzelhandelsverkäuferin Nadine soll zum Model mutieren.

Eigentlich sind solche Coachingshow-Formate ja für ihren Einsatz von B-Prominenz bekannt. Es überrascht also ein wenig, dass die Bluffer bei RTL2 von erstaunlich unbekannten Experten (Friseurmeister Mark Wallet, Koch Detlef Przybyla) angeleitet werden. Am Ende jeder Folge müssen die Job-Novizen dann eine Jury täuschen. Sie entscheidet darüber, ob der Bluff funktioniert oder platzt.

Das Schema ist bewährt: Vor einigen Jahren zeigte der WDR mit seiner Doku-Soap "Fake - Karriere machen mit Bluff" in etwa das Gleiche. Auch damals schon musste ein Schafscherer als Promifriseur herhalten. Dass die Produzenten sich nun fast gänzlich auf quotenerprobte Branchen verlassen haben (Kochen, Modeln, Haareschneiden), ist ebenso uninspiriert wie marktwirtschaftlich nachvollziehbar.

Akademisch? Drastisch!

In der Pilotfolge geht es um Gangsta-Rap. Der steife Literaturstudent Christian soll Rap-Texter werden. Auf seiner "faustischen Reise", wie der Goethe-Fan den vierwöchigen Ausflug nennt, begegnen ihm seltsam düstere Gestalten, seine beiden Lehrmeister, die Rapper Ali A$ und Xatar zum Beispiel. Sie sollen dem schmächtigen Feingeist den akademischen Sprech austreiben und geben ihm einen Crash-Kurs in Sachen Gangstertum: XXL-Shirt statt Oberhemd, Protzen statt Demut und "Ficken" statt Liebe.

Dramaturgisch ist das gut gemacht. Christian wird auf dem Weg zur Oper oder im Kreise seiner Freunde gezeigt, eine Runde beschlipster Langweiler, die gemeinsam das Volkslied "Horch, was kommt von draußen rein" ("Hola Hi Hola Ho") intonieren. Als Kontrast tritt Xatar mit einem Video in Erscheinung: "Mach keine Faxen sonst ficke ich dich", rüpelt der Rapper ins Mikrofon.

Als Christian schließlich in einer Lagerhalle erstmals auf seine HipHop-Kollegen trifft, steht ihm eine Truppe mit Kampfhunden bewaffneter Lederjackenprolls gegenüber. Solche Klischees und Überzeichnungen sind die Stilprinzipien des "Bluff".

Auf der einen Seite Muskelgebirge mit Migrationshintergrund, die finster gucken; auf der andern der 30-jährige Bildungsbürger Christian, dem auf einmal Goethe in die Glieder fährt: "Und wandelt mit bedächt'ger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle." Diese Karikatur ist natürlich kindisch und reduziert nicht gerade die Vorurteile gegenüber türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen. Im vermeintlichen Clash of Civilisations steckt aber auch die Komik der Sendung.

Wobei man gar nicht genau weiß, wer denn nun eigentlich der Freak ist, über den man sich lustig machen soll: Der dichtende Barde Christian oder die vulgären Rotzmäuler Ali A$ und Xatar, die völlig selbstverständlich Frauen als "Fotzen" beschimpfen und deren Lieblingsschimpfwort "Schwuchtel" ist.

Immer, wenn es sprachlich zu drastisch wird, rutscht der etablierte Deutsch-Rapper Sammy Deluxe ins Bild. Er muss dann als Oberlehrer des HipHop erklären, dass homophobe Texte zum harten Rap gehören wie die Golduhr ums Handgelenk. Und natürlich sei diese Rhetorik niemals ernst gemeint.

Gangsta-Rap als Ausbildungsberuf: In einer Musiksparte, die wie kaum eine andere auf Authentizität bedacht ist, in der jeder Text immer auch glaubwürdiges Statement und Reflexion der eigenen Lebenswirklichkeit sein soll, wirkt das besonders absurd. Es trifft aber den Kern unser medialisierten Realität: Die Wahrheit hinter der Inszenierung ist schwer auszumachen, ja sie löst sich im Spiel der Zeichen oft sogar völlig auf.

Wir alle spielen eben doch nur Theater.


Der Bluff, montags 21:15 Uhr, RTL2

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