RTL2-Sucht-Soap: Affen schieben auf Malle - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

RTL2-Sucht-Soap Affen schieben auf Malle

Vom Sangria-Eimer ab auf die Entzugs-Finca: Mit dem Vierteiler "Endlich Frei!" reist RTL2 nach Mallorca und versucht ausgerechnet auf des Deutschen liebster Party-Insel Abhängigen aus ihrer Sucht zu helfen. Das Ergebnis? Ganz fieser Stoff.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer auf Mallorca Urlaub macht, kann sich sicher sein, einem Team von RTL2 über den Weg zu laufen. Nirgendwo lässt der Sender lieber drehen, findet er doch rund um den "Ballermann" auf wenigen Quadratmetern in gedrängter Form die eigene Zielgruppe vor. Im hauseigenen Investigativ-Format "Exclusiv - die Reportage" werden dann, um es mal so alliterationsselig wie die Macher selbst zu formulieren, die deutschen Plansch-, Protz- und Penetrationsgewohnheiten am Playa de Palma beleuchtet.

Da mag es nach Logik von RTL2 angemessen und pädagogisch wertvoll erscheinen, dass man den etlichen abgefilmten "Ballermann"-Besäufnissen nun eine Entgiftungs-Soap entgegensetzt - die natürlich ebenfalls auf Mallorca gedreht wurde. Auf einer Finca im Hinterland unweit vom Playa de Palma hat man für "Endlich frei! Raus aus dem Drogensumpf" zwei Handvoll Süchtiger einquartiert, die innerhalb eines Monats von ihrer Abhängigkeit befreit werden sollen.

Das Erzählprinzip kennt man aus der US-Soap "Celebrity Rehab", die vergangenes Jahr auf MTV zu sehen gewesen ist: Eine Truppe Junkies, die gemeinsam vor der Kamera einen Affen schieben - das verspricht melodramatischen Mehrwert. Der Vierteiler von RTL2 kommt zwar weniger spekulativ daher als das amerikanische Vorbild, folgt aber der gleichen fröhlichen Rhythmisierung der eigentlich doch so unfröhlichen Therapiemaßnahme.

Als musikalisches Grundmotiv haben die Verantwortlichen, wie könnte es anders sein, Amy Winhouses Hit "Rehab" gewählt. Und auch sonst wird jeder dokumentierte Nerven- und Kreislaufzusammenbruch der Privatfernsehpatienten mit passenden und unpassenden Songs unterlegt.

Bei RTL2 geht so was als volkspädagogische Maßnahme durch: Schließlich will man den vielen Komasäufern und Hardcorekiffern unter den Stammzuschauern die Hemmschwelle für ähnliche Therapien senken. Immer wieder weist Dr. Mario Scheib, der das Projekt medizinisch leitet, vor der Kamera darauf hin, dass einen jeder Arzt an eine entsprechende Institution weiterleiten kann. Hoffentlich ist der entgiftungsbereite RTL2-Kunde dann nicht enttäuscht, wenn es in der heimatlichen Entzugsklinik keinen Freiluftpool zum Planschen und keine Flamenco-Truppe fürs abendliche Amüsement gibt.

Denn natürlich ist die Drogentherapie à la RTL2 so etwas wie der Hauptgewinn unter den Ausnüchterungsmaßnahmen. Die Teilnehmer wirken deshalb - trotz aller körperlicher und psychischer Extrembelastungen - streckenweise wie die glücklichen Auserwählten eines Castingformats: Man hat es geschafft, man ist im Fernsehen, das alleine reicht als Versprechen auf ein neues Leben. Die Realityshow als umfassender Weltentwurf.

Gecastet wurde denn auch wie in diesem Genre üblich: Möglichst unterschiedlich sollten die Süchte sein. Der 22-jährige Hartz-IV-Empfänger, der seit neun Jahren regelmäßig Gras und Alkohol konsumiert, ist deshalb ebenso dabei wie die 47-jährige Mutter, die auf der ultra-aggressiven Droge Crystal Meth unterwegs ist.

Und, wie schön, die zu bewältigenden Etappen beim Entzug lassen sich ebenfalls nach Castingshow-Art strukturieren. Scheib und Sozialpädagogin Maria Matera arbeiten mit Konfrontationsspielen; da wird reichlich dramaturgisches Potential freigesetzt. Die "THC Attrappe", mit der die Kifferfraktion unter den Suchtkranken lernen soll, unter sozialem Druck den Joint an sich vorbeiziehen zu lassen, ist dabei noch die harmlosere Variante. Der unvermeidliche Besuch des "Ballermanns" in Folge drei erscheint indes als weitaus gefährlichere Versuchung - der denn auch Alkoholiker Jens sogleich erliegt. Breit torkelt er in die Urlaubsklinik zurück.

Rückfälle gehören nun mal zum Geschäft, und es ist vollkommen korrekt, dass sie dramaturgisch in die Sendung eingebaut werden. Auch machen Scheib und Matera einen tadellosen Job. Wo er sich auf medizinische Fakten verlassen kann, betrachtet sie ihren psychotherapeutischen Ansatz kritisch und deutet so durchaus die Unwägbarkeiten eines solchen Unterfangens an. Gut so.

Wie aber hier ein aufreibender Vorgang wie eine Suchttherapie insgesamt als poppig und peppig nach vorne treibender Selbstüberwindungstrip daherkommt, ist Fernsehillusionismus in seiner gefährlichsten Form. Am Ende umarmen sich alle ausgiebig, während es musikalisch aus dem Off jubiliert: Mit Amy ging es rein in die Rehab, mit Silbermonds Flehen nach einem "kleinem bisschen Sicherheit" geht es zurück in die jetzt heile Hartz-IV-Welt daheim.

Bei solch geballtem Erbauungs-TV made on Mallorca freut man sich beinahe schon wieder auf eine korrekt ballernde RTL2-Balearen-Recherche. Die folgt denn auch schon diesen Donnerstag und handelt von einer 65-jährigen Hure, die den Ballermann aufmischt: "Molly auf Malle!"


"Endlich frei! Raus aus dem Drogensumpf", 23.15 Uhr, RTL2

Mehr lesen über

Verwandte Artikel