Rücktritt Kardinal Lehmanns: Gottes transzendentaler Praktiker - DER SPIEGEL
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Rücktritt Kardinal Lehmanns Gottes transzendentaler Praktiker

Abtreibung, Ökumene, kirchliche Vielfalt - Kardinal Lehmann ist einer der wenigen Kirchenmänner, die es wagten, sich Rom zu widersetzen. Jetzt ist der Mainzer Bischof vom Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zurückgetreten. Ein Verlust für die deutschen Katholiken.
Von Alexander Schwabe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Zweite Vatikanische Konzil war lange Jahre Quell der Hoffnung für eine modernere katholische Kirche. Die von Johannes XXIII. einberufene Aufbruchsveranstaltung sollte die Kirche Anfang der sechziger Jahre fit für die Zukunft machen. Während der Amtszeit von Johannes Paul II. kam dem Konzil immer weniger Bedeutung zu.

Kardinal Karl Lehmann, der nun nach knapp 21 Jahren aus gesundheitlichen Gründen vom Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zurückgetreten ist, erlebte das Konzil als Twen. Mit ihm tritt einer der letzten Kirchenmänner auf einflussreichem Posten ab, der die Atmosphäre des Aufbruchs im Zweiten Vatikanum geschnuppert hat.

Lehmann nahm im Gefolge des wohl größten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts am Konzil teil: Er war Berater des Jesuiten Karl Rahner. Seine Kommilitonen nannten ihn daher den "Kopiloten" Rahners.

Lehmann, der aus kleinen Verhältnissen aus Sigmaringen auf der Schwäbischen Alb stammt, trieben von jung an theologische und philosophische Fragen um. Schon als Schüler ackert er die "Einführung in die Metaphysik" Martin Heideggers durch. Der Philosoph, der aus dem nahegelegenen Meßkirch stammt, wird später auch das Thema für Lehmanns Promotion.

Getrieben von der Frage nach sich selbst

Im Studium interessieren Lehmann mehr die Grundfragen des Glaubens als das Kirchenrecht, mehr die Philosophie als die Exegese. In Freiburg trifft Lehmann auf den Lehrer Rahner. Dieser steht für eine Theologie der Öffnung, die sich aus einem verkrusteten Dogmatismus gelöst und sich in intellektuell redlicher Auseinandersetzung mit der Moderne gegenüber den Human- und Naturwissenschaften geöffnet hat.

Für Rahner ist der Mensch derjenige, der sich - getrieben von der Frage nach sich selbst, die er aus sich selbst heraus nicht beantworten kann - ständig überschreitet. Qua dieses "übernatürlichen Existentials" greift er auf etwas vor, was im christlichen Sprachgebrauch Gott genannt wird. Bei Rahner wird die Reflexion über die Beschaffenheit des Menschen zum Ausgangspunkt der Theologie.

Wie viel des neuen Geistes bei Lehmann in Fleisch und Blut überging, lässt sich nicht genau bestimmen. Denn Lehmann wechselte 1983 vom Katheder - er lehrte Dogmatik in Mainz und Freiburg - auf den Bischofsstuhl. Und als Oberhirte predigte er, verwaltete er - entwickelte aber keine Theologie im akademischen Sinn. Dass Rahners Transzendental-Theologie jedoch auch im Praktiker Lehmann weiterwirkte, lässt sich daran ablesen, dass der Bischof dem Rahnerschen Ansatz gemäß beim Menschen und dessen konkreter Wirklichkeit ansetzte - und nicht bei Dogmen und angeblich absoluten Wahrheiten, wie dies einige seiner Kollegen zu tun pflegen.

Argwohn gegen das Anwachsen des römischen Zentralismus

Aus dieser Grundhaltung heraus, den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, lassen sich Lehmanns Konflikte mit Rom erklären. Im Vergleich zu Kollegen wie dem Kölner Kardinal Joachim Meisner, dem ehemaligen Bischof von Fulda, Johannes Dyba, dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller gilt Lehmann als wesentlich weltoffener.

Immer wieder steuerte er gegen den von Rom vorgegebenen Kurs. So forderte er 1988, die traditionelle Geschlechterrolle in der Kirche zu überdenken. Es lag ihm fern, die Kölner Erklärung mit dem Titel "Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität" zu verdammen. Vielmehr hielt er den Protest der 220 deutschen Theologieprofessoren und -professorinnen gegen den autoritären Stil Johannes Pauls II. für "diskutabel", weil auch Lehmann sich eine demokratischere und vielfältigere Kirche wünschte und das "Anwachsen des römischen Zentralismus" argwöhnisch verfolgte.

Besonders bei der Schwangerschaftsberatung bezog Lehmann Stellung gegen päpstliche Vorgaben. Nach der Neufassung des Abtreibungsparagrafen in Deutschland sprach sich Lehmann für eine Kampagne zum "Schutz des Lebens" aus. Die Bischöfe einigten sich auf ihrer Herbstvollversammlung 1995 zunächst darauf, nicht aus dem staatlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung auszusteigen. Gut zwei Jahre später richtete Johannes Paul II. die "dringende Bitte" an die deutschen Bischöfe, keine Beratungsscheine mehr auszustellen, mit denen eine straffreie Abtreibung möglich sei.

Dennoch sprach sich unter Lehmanns Vorsitz eine deutliche Mehrheit der Bischofskonferenz für den Verbleib in der Konfliktberatung aus. Lehmann wurde nach Rom zitiert. Über den Inhalt des Gesprächs mit dem Papst wurde nichts bekannt. Schon wenige Tage später legte die deutsche Bischofskonferenz Ende Juni 1999 einen heftig kritisierten Kompromissvorschlag vor, der den katholischen Beratungsstellen vorgab, nur noch Beratungsscheine auszugeben mit dem Zusatz "Diese Bescheinigung kann nicht zur Durchführung straffreier Abtreibungen verwendet werden". Doch der Vatikan billigte auch dies nicht. Der Druck aus Rom wurde erneut erhöht. Lehmann, gerade zu seiner dritten Amtsperiode wiedergewählt, sah keine Möglichkeit mehr, die bisherige Praxis der Schwangerenkonfliktberatung fortzusetzen.

Mahnungen gegen Bushs Kriege

Lange wurde Lehmann bei Beförderungen von Rom übergangen. Im Januar 2001 wurde er überraschend doch noch zum Kardinal ernannt. Obwohl er bei dieser Gelegenheit vom Papst ein siebenseitiges Mahnschreiben überreicht bekam, in der Johannes Paul II. die "Selbstsäkularisierung der Kirche" kritisierte, blieb sich Lehmann treu. Schon 2002 demonstrierte er einmal mehr, dass er mit wichtigen Vorgaben aus Rom nicht konform ging. Die Vatikan-Erklärung "Dominus Jesus", die den Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche zementiert, tat Lehmann als einen "Betriebsunfall" ab, der den ökumenischen und interreligiösen Dialog behindere.

Auch politisch bezog der Kardinal deutlich Stellung. In der Diskussion um eine Grundgesetzänderung redete er 1992 Politikern ins Gewissen, das Asylrecht zu achten - ohne Erfolg. Im November 2001 wandte er sich vehement gegen die von US-Präsident George W. Bush angekündigten Gegenschläge gegen al-Qaida und die Taliban in Afghanistan als Reaktion auf die Terroranschläge von New York und Washington. Im März 2003 nahm er klar Stellung gegen den Irakkrieg.

Die Bestrebungen seiner Gegner innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz, eine vierte Wiederwahl Lehmanns 2005 zu verhindern, scheitern. Dem konservativen Flügel des Gremiums gelang es nicht, eine geeignete Alternative zu Lehmann zu bieten. Die Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe vom 11. bis 14. Februar dürfte daher besonders spannend werden. Dort soll ein Nachfolger für Lehmann gewählt werden. Gesundheitlich angeschlagen will sich Lehmann, wie er mitteilt, begnügen, als Bischof von Mainz zu "dienen".