Ruhrtriennale: Stellt Euch vor, Ihr wärt in dieser Situation
"Die Fremden" bei der Ruhrtriennale Böses Europa!
Hält da unten auf der Bühne wirklich der Bundespräsident eine Ansprache? Aber nein, unmöglich, der sitzt ja im Publikum. Der Mann im schwarzen Gehrock, der dem zur Ruhrtriennale-Premiere angereisten Staatsoberhaupt Gauck so ähnlich sieht und zu den Zuschauern auf der Tribüne spricht, ist der Schauspieler Pierre Bokma. Er predigt gegen die Jenseitsseligkeit des Christentums und plädiert leidenschaftlich für ein Leben im Hier und Jetzt: "Bleibt der Erde treu!"
Bokma ist einer von fünf Darstellern, die an diesem Abend Haroun ihre Stimme leihen, dem Erzähler aus Kamel Daouds Roman "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung". Johan Simons, Regisseur und Intendant der Ruhrtriennale, hat es unter dem Titel "Die Fremden" für die Bühne adaptiert und sich für die Uraufführung einen spektakulären Ort gesucht: die ehemalige Kohlenmischhalle der Zeche Auguste Victoria in Marl, die noch bis vergangenes Jahr in Betrieb war.
Das Buch des algerischen Journalisten Daoud, auf dem der Abend basiert, ist 2013 erschienen und war in Frankreich, aber auch bei uns ein Bestseller. Sein Clou ist, so formuliert es der Verlag: "Dieser Roman gibt dem namenlosen Toten aus dem Klassiker ,Der Fremde' von Camus ein Gesicht."
Anklage gegen den Eurozentrismus
Camus' Roman von 1942 ist das Porträt eines Mannes namens Meursault, der am Strand von Algier einen Algerier erschießt, im Buch nur "der Araber" genannt. Kamel Daoud hat diesem Toten fast 70 Jahre später einen kleinen Bruder erfunden, Haroun, der als alter Mann einem Journalisten in einer Bar den Fall aus seiner Sicht erzählt. Moussa hieß der bewunderte große Bruder, der als Leerstelle das Leben des Erzählers und dessen Mutter geprägt hat.
Daouds Roman erzählt keine richtige Geschichte, er ist eine Zustandsbeschreibung. In Schleifen wandert Haroun durch seine Gedanken und Erinnerungen und gibt auch einen Einblick in die schwierige Existenz der Menschen in Algerien nach der erkämpften Unabhängigkeit von Frankreich 1962. Immer wieder kehrt der Erzähler im Buch zu der Kränkung zurück, dass dem Nobelpreisträger Camus das Opfer in seinem Roman nicht mal einen Namen wert war - eine berechtigte Anklage gegen den Eurozentrismus, die voll im Trend unserer Zeit liegt.
Wie macht man daraus nun einen Theaterabend, der noch dazu einen riesigen Raum füllt? Johan Simons entscheidet sich für einen Mix aus Schauspiel, Musik und Film und lässt es als "politisches Musiktheater" ankündigen. Die Musik rückt auch optisch ins Zentrum: Das fantastische holländische Kammerorchester Asko Schönberg unter der Leitung von Reinbert de Leeuw sitzt in der Mitte der Spielfläche, die nach hinten begrenzt ist von der gigantischen Kohlenmischmaschine.
Die fünf Schauspieler sitzen, stehen, laufen, tänzeln, hüpfen um die Musiker herum, erst im Blaumann, später in klassischem Anzug oder in einer Bluse. Sie alle sind Haroun, tragen im fliegenden Wechsel monologisch seine Erinnerungen und Thesen vor, erzählen von seinem Leben in einem kolonialisierten Land, seiner Liebe zu der gebildeten Meriem und von seiner Ablehnung der Religionen. Zwischendurch, nur skizzenhaft angedeutet, spielen sie die wenigen szenischen Passagen, die das Buch hergibt, und Benny Claessens liest im nölenden Ton eines unwilligen Schülers Absätze aus Camus' Buch vor. Die Musik von Mauricio Kagel und György Ligeti unter- und übermalt das anfangs erstaunlich beschwingt.
Kommentar zur Burkini-Debatte
Fesselnd sind die Videos von Aernout Mik: Er zeigt auf großen Bildschirmen über dem Orchester dokumentarisches Material, offensichtlich aus der Nachkriegszeit in Algerien: Straßenszenen, Feste, Bürgerkriegsszenen - und immer wieder die Situation, wie französische Soldaten als Vertreter der Kolonialmacht Araber auf der Straße kontrollieren.
Eine Strandszene wirkt wie wie ein Kommentar zur Burkini-Debatte: Da sieht man französische Frauen im Badeanzug im Sand liegen, verhüllte arabische Frauen mit im Wind wehenden Kopftüchern gehen an ihnen vorbei. Sie betrachten sich gegenseitig, aber niemand hat das Gefühl, einschreiten zu müssen.
Im zweiten Teil, nachdem einmal der Musik ganz das Feld überlassen wurde und Katrin Baerts in einer Fantasiesprache Claude Viviers "Bouchara" gesungen hat, tauchen auf dem Screen andere Bilder auf: Man sieht Szenen, wie Komparsen in eben jener Halle, in der wir jetzt sitzen, ein Flüchtlingslager nachstellen. Die Komparsen sehen europäisch aus, eine der sie streng bewachenden Polizistinnen trägt Kopftuch. Ist das wirklich nötig, vor einem aufgeklärten Publikum noch mal den moralischen Zeigefinger zu heben: Stellt Euch vor, Ihr wärt in dieser Situation? Und macht euch bitte klar, dass Kolonialismus und Fluchtbewegung zusammenhängen?
Dass der Erzähler Haroun nicht von Arabern dargestellt wird, sondern von einem Kollektiv europäischer Schauspieler verschiedener Nationen, erklärt Johan Simons im Programmheft entsprechend damit, dass dies die "Vielzahl von Blickwinkeln" auf Fragen von Identität und Fremdheit reflektiere. Der teils harte Akzent eines belgischen oder estnischen Schauspielers (die den Text teilweise aufsagen, als hätten sie ihn stur auswendig gelernt) als Repräsentation eines Algeriers, der Französisch als Fremdsprache gelernt hat? Oder doch als Zugeständnis daran, dass "Die Fremden" eine Koproduktion mit dem NT Gent ist?
Denn wenn man hinter die Bilder schaut, bleibt die Frage: Was genau ist die die Aussage dieses Abends? Hätte es irgendetwas geändert, wenn ein böser Kobolt das Textbuch einmal in die Luft geschleudert und die Szenenabfolge neu gemischt hätte? Wenn jemand die Notenblätter heimlich getauscht und durch andere Werke ersetzt hätte? Und was hat die spektakuläre Halle mit Algier zu tun? Reicht es, dass der malerisch aufwirbelnde Kohlenstaub Assoziationen an eine Wüstenlandschaft hervorruft?
Der Abend ist, bei aller Kunstfertigkeit, von einiger Beliebigkeit und bleibt in seiner etwas ratlosen Kritik am Eurozentrismus erstaunlich eurozentristisch. Das ist, wenn man mit einem rein europäischen Ensemble arbeitet, natürlich auf seine Art ehrlich. Man darf gespannt sein, was der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani aus dem Stoff macht. Die Premiere ist für Ende des Monats angekündigt, in den Münchner Kammerspielen - Johan Simons ehemaliger Wirkungsstätte.
"Die Fremden", Weitere Vorstellungen bei der Ruhrtriennale, in der Zeche Auguste Victoria 3/7 in Marl, am 3., 4., 8., 9. und 10.9., www.ruhrtriennale.de