S.P.O.N. - Der Kritiker Agenda-Setting aus dem Schuhkarton
Konservativer Vordenker Blond: "Jeder wollte sein eigener Papst sein"
Foto: Oli Scarff/ Getty ImagesLustig, wie verrückt jemand sein kann. Da stand Philip Blond mit dieser sehr britischen Mischung aus Arroganz und Dekadenz, halb Winston Churchill, halb Oscar Wilde, und deutete die Geschichte des Abendlandes um. Die Zuhörer waren gespannt, schließlich ist Blond, Direktor des Think Tanks ResPublica, ein wichtiger politischer Berater, er ist der Mann, der die "Big Society" erfunden hat, den Siegerslogan des konservativen Premierministers David Cameron. Am Ende hatten sie gelernt, dass Luther für die ethnischen Kriege des 20. Jahrhunderts verantwortlich ist.
Aber der Reihe nach. Schon vor ein paar Wochen, beim Ideen-Festival in Aspen, hatten die Leute geraunt, die "Big Society" sei ein Schlüssel, die Sinnkrise des Westens und die wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen zu beheben. Jetzt stand Blond auf einer großen Bühne in Edinburgh, bei der TEDglobal-Konferenz, einem anderen jener Orte, an denen eine globale Elite übt, mit Ideen zu jonglieren, um Lösungen zu finden für die Probleme der Welt. Da kann es schon mal passieren, dass ein Ball runterfällt, vor allem dann, wenn man zu viele gleichzeitig in der Luft hat.
Blond stand dort neben dem rot leuchtenden TED-Schriftzug, lila Hemd, weißes Sakko, Jeans und Schuhe mit hohen Absätzen, und tat, was ein guter Konservativer gern tut: Er sang das Lied von Ende, Abstieg, Untergang. "Etwas läuft grundlegend falsch in den westlichen Gesellschaften", sagte er und war damit erstmal gar nicht so entfernt von seinem linksgewandeten Vorredner. Dann wurde er aber präziser: "Sowohl Kollektivismus als auch Individualismus sind gescheitert. Die Linke wollte die Armut durch den Wohlfahrtsstaat beenden. Die Rechte wollte Wohlstand für alle durch den offenen Markt. Beide haben versagt."
Was aber, wenn Links und Rechts keine Antworten haben, wenn der Staat nur noch "die Scherben aufsammeln kann", die der Kapitalismus hinterlassen hat, weil er "aus Besitzenden Sklaven gemacht hat"? Gruppen, das ist Blonds Antwort, Gruppen, diese uralte, prämoderne Ordnungsform soll den Westen in die Zukunft führen. Auch hier ist Blond gar nicht so weit weg vom Denken einer kommunitaristischen Linken, vor allem, wenn er von der Wirtschaftsform der Kooperative schwärmt. Blond lächelte jetzt sanft, fast etwas entrückt. Er ist sich seiner selbst sehr sicher.
Letzte Ausfahrt Moral
Und dann machte er sein konservatives Wendemanöver. Handbremse. Letzte Ausfahrt Moral. "Wir haben die Gesellschaft zersplittern lassen", sagte er. "Wir haben die Moral marginalisiert. Wir können keine guten Gruppen mehr erschaffen und damit auch keine guten Individuen mehr. Unsere Beziehungen zueinander sind der Schlüssel zu einer guten Gesellschaft." Aber was sind "gute Gruppen"?
Jetzt musste etwas kommen, das wusste Blond, jetzt musste er zaubern und überraschen. Also hielt er kurz inne und landete dann seinen Coup: die katholische Kirche. Und zwar im 9. Jahrhundert. Das war noch eine gute Gruppe. Das war sogar eine "moralische Revolution". Indem sie die "moralischen Grenzen" wiedererrichtet habe, so Blond, habe die katholische Kirche, im 9. Jahrhundert, "die Gesellschaft befriedet".
Spätestens hier stutzte die grundpositive Internet- und Do-Good-Community von TED. Aber Blond holte gerade erst zum finalen Schlag aus. Die Reformation, sagte er, zerstörte diese Ordnung: "Jeder wollte sein eigener Papst sein." Mit der Reformation, so Blond, wurde der Rassismus im Grunde erfunden, und Luther war eben Schuld am mörderischen, kriegerischen Wahnsinn des 20. Jahrhunderts.
Eine ratlose Ruhe herrschte jetzt im Saal. Das passte nicht zu den Geschichten, die sie hier sonst hören, von der Nanotechnik etwa, die das Energieproblem der Welt lösen soll, oder von der kambodschanischen Rechtsanwältin, die sich in ihrem Land für die Rechte von Gefängnisinsassen einsetzt. Blond genoss seinen Triumph nur kurz, er streckte seinen Bauch etwas weiter vor als sonst, dann zog er sich wieder in das Nebelgerede eines Konservatismus mit menschlichem Antlitz zurück. "Wir müssen die Gesellschaft von unten auf neu bauen", sagte er. "Wir müssen die Wirtschaft von unten auf neu bauen. Wir müssen den Staatshaushalt auf die Kommunen verteilen. Die Nachbarschaft übernimmt die Rolle des Staates."
Früher nannte man das Politik
Da waren die progressiven Weltverbesserer im Publikum wieder beruhigt. Da konnten sie etwas mit anfangen. Das klang doch gut. Gut klang auch, dass Blond sagte, es sei seine Agenda, "die Agenda zu ändern". Es sei Zeit, "den Staat zu zivilisieren". Es sei entscheidend, "die Sprache der Moral zurückzugewinnen". Am besten aber klang, dass er mit seiner "Big Society" die ganze Welt erreichen wolle. "Going global", sagte er, das war die Sprache, die die TEDster verstehen.
Die TED-Konferenz, wie sie heute sehr erfolgreich existiert, sagte der Erfinder und Zeremonienmeister Chris Anderson, als er nach Blond auf die Bühne ging, sei keine politische Veranstaltung, keine politische Plattform - was nur dann stimmt, wenn man mit Politik Parteipolitik meint. Tatsächlich geht es bei TED um Lösungen für Hunger, Wasserknappheit, Krankheit, Armut, es geht um kleine Schritte für eine bessere Welt, es geht um die Frage, wie wir als Menschen auf diesem Planeten zusammen überleben wollen. Früher nannte man das Politik.
Vielleicht brauchen wir einfach ein anderes Wort. Vielleicht würde sich dann das Verhalten verändern, würden die Institutionen sich weiterentwickeln, würden die Sätze der "Politik" sich als das zeigen, was sie sind, rhetorische Schuhkartons. Blonds Auftritt zeigte jedenfalls eindrucksvoll, wie hohl-rasselnd das Denken und Reden der politischen Klasse heute ist. Wenn es die Agenda ist, die Agenda zu ändern, dann war Blonds Windmacherei ein gutes Argument.