S.P.O.N. - Der Kritiker: Kohls Rache - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Der Kritiker Kohls Rache

Die Familie Kohl beherrscht wieder mal das Land - jedenfalls die Bestsellerliste. Platz 1: "Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl". Platz 5: Walter Kohls Leidensgeschichte "Leben oder gelebt werden. Schritte auf dem Weg zur Versöhnung". Was bitte schön ist da los?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist, wenn man so will, Helmut Kohls Rückkehr und Rache. Kohl, der politisch längst tot war, als die Wende ihm seine Wiederwahl schenkte; Kohl, der damit das Land in einen zehnjährigen Hiatus schickte und für eine fatale Phasenverschiebung sorgte, weil ein Deutschland, das politisch links fühlte, weiterhin von diesem Koloss mit seiner konservativen Bungalow-Bräsigkeit regiert wurde; Kohl, der wohl das letzte Rätsel ist, das die Politik dieses Landes birgt, weil ihn sein Schweigen im Parteispendenskandal und seine Abwahl durch Gerhard Schröder retteten: Kohl war nie so präsent wie in seiner Abwesenheit, in seinem Verschwinden, als Schatten.

Wenn man genau hinsieht, schwebt er über allem. Er schwebt über dem Zaudern, dem Schwanken und dem Scheitern von Angela Merkel, dieser in jeder Hinsicht "Frau Anti-Kohl", die ihre Macht dem publizistischen Vatermord verdankt, den ihr Text 1999 in der "FAZ" bedeutete. Er schwebt über der famosen Konturlosigkeit der Konservativen, die jeden Linken, wenn es die noch gibt, so sprachlos machen muss wie jeden Rechten, wenn es die noch gibt, weil man nicht weiß, ob man lachen soll oder weinen.

Kohl kehrt zurück in der Griechenland-Krise, wenn jetzt sein Foto aus dem Jahr 1985 kursiert, das ihn als Erfinder jenes Europas feiert, das gerade zusammenzubrechen droht. Er sitzt dort zusammen mit dem französischen Präsidenten François Mitterand, sie haben beide ein Glas Wodka oder, wahrscheinlicher, Wasser in der Hand und prosten sich zu - und die europäische Einheitswährung, die Kohl sich zum Ziel gemacht hatte, wackelt jetzt so kräftig, weil eben der politische Wille stärker war als die ökonomische Wirklichkeit und Krisenfestigkeit: Kohl hinterlässt im Grunde immer Opfer.

Das ist auch das, wovon die beiden Bücher erzählen, die jetzt auf der Bestsellerliste stehen. "Opferland" nannte Walter Kohl das, was andere Kindheit oder Leben nennen, "ein Hort des Unfriedens und der Knechtschaft, der Abhängigkeit, der Ohnmacht und der Fron". Und Heribert Schwans Buch über Hannelore Kohl führt "Schicksal" wieder ein als biografisches und letztlich auch politisches Konzept.

Reicht das schon für einen Bestseller?

Es ist ein rasend langweiliges Buch, das er geschrieben hat, was aber nur zum Teil seinen Erfolg erklärt. Schwan erzählt vom Trauma der Zwölfjährigen, die von Russen vergewaltigt und "wie ein Zementsack aus dem Fenster" geworfen wurde. Und er erzählt ausführlich von dem "Unglück", das Hannelore Kohl 1993 einholte, eine fatale Behandlung mit Penicillin, möglicherweise aber auch ein erster Selbstmordversuch. "Die allergischen Reaktionen auf das Medikament waren derart stark geworden, dass ihre Haut am ganzen Körper dunkelblau angelaufen war", schreibt Schwan. "Die behandelnden Ärzte und die rund um die Uhr aktiven Schwestern hatten nach übereinstimmenden Berichten den Glauben an ein Überleben ihrer Patientin verloren."

Reicht das schon für einen Bestseller? Hannelore Kohl litt den Rest ihres Lebens an einer Lichtallergie, sie brachte sich am 5. Juli 2001 mit einer Mischung aus Morphiumsulfat und Schlaftabletten um, sie hinterließ 20 Abschiedsbriefe. Schwan baut sein Buch ganz auf die beiden Extreme Trauma und Krankheit. Dazwischen verliert sich Hannelore Kohls Leben in Fahrer- und Frisurfragen, etwa von der "Bekanntschaft mit einer Friseurin aus Ludwigshafen. Die junge Hannelore war Ende der sechziger Jahre mit ihren beiden Söhnen in einem Friseurgeschäft ganz in der Nähe ihres Hauses in Ludwigshafen-Gartenstadt erschienen. In diesem Familienbetrieb lernte sie die Tochter des Inhabers kennen, die sie vorzüglich bediente".

Ähnlich aufschlussreich ist das Thema Chauffeur: "Anfangs chauffierte (Josef) Rink Hannelore Kohl im gleichen orangefarbenen BMW 520 wie zuvor schon Loki Schmidt. Am häufigsten wurde die Strecke Ludwigshafen-Bonn und retour zurückgelegt." Kein Wort über Eifersucht, Ängste oder andere Frauen. Dafür eine Abrechnung mit Maike Richter-Kohl, die schon mal in den Kleidern von Hannelore auftritt.

Der Triumph von Kohl liegt nun darin, dass er, selbst schwerkrank, noch einmal seinen Sohn, seine Frau, im Grunde uns alle in die Passivität zwingt. Schon der Titel "Die Frau an seiner Seite" sagt: Es ist ein Siegerbuch für Helmut Kohl, das Schwan da geschrieben hat, sogar in der Leidensgeschichte, Opfergeschichte seiner Frau. Auch das Buch seines Sohns lässt Kohl im Grunde unangetastet in seiner Kälte und herrischen Art. Kohls Trick war es, dass sich die Menschen, die ihn umgaben, durch ihn und nur durch ihn definierten. Kohl macht damit noch einmal das, was er immer am besten konnte: Er macht andere klein.