S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Wer Kohle hat, kann Kant vergessen - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wer Kohle hat, kann Kant vergessen

Wie wäre es, reich zu sein? Arme-Leute-Essen wie Spinat würden Sie gar nicht kennen, dafür hätten Sie einen Butler namens Uwe-Carsten - und folgenden Wissenvorsprung: Moral ist nur etwas für Habenichtse.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Passend zum aktuellen Märzloch-Thema: "Der Reiche, es gibt ihn, und erstaunlicherweise ist er reich" veröffentlicht ein amerikanisches Wissenschaftsmagazin das knappe Resultat umfangreicher Experimente. Dieses, für uns alle unfassbar, lautet: Reiche lügen und betrügen häufiger als Menschen mit niedrigerem sozialem Rang, sind Rowdys im Straßenverkehr und von zweifelhafter Moral.

Ha, trockenes böses Auflachen. Da haben wir von Forschern in jahrelangen Experimenten bestätigt bekommen, was wir, die wir nicht reich sind (denn wir würden dann weder Online-Publikationen lesen, wir bekämen gebügelte Zeitungen vorgetragen, noch würden wir für sie schreiben, wir würden stattdessen ausreiten), immer wussten: Reiche sind Mist.

Erleichtertes Aufatmen. Endlich müssen wir uns nicht mehr der leisen Schadenfreude schämen, wenn ein Reicher bankrott geht und sein Bayreuth-Abo an dunklen Ecken verhökern muss.

Da ich aber im Zweifel eine Anhängerin ausgewogener Berichterstattung bin, möchte ich uns, Verlierern des kapitalistischen Wettrennens, doch eine Sekunde des Innehaltens gönnen. Stellen Sie sich vor, Sie wären reich, per Geburt: Sie wären auf einem Gestüt aufgewachsen, ihre Mutter eine formidable Stahlmagnatin, ihr persönlicher Butler hieße Uwe-Carsten. Sie wüchsen ohne Widersprüche auf. Was Sie wollten, stünde selbstverständlich bereit. Das Einzige, was Ihnen abginge, wäre Kartoffelbrei mit Spinat, für Ihre Mutter ein Arme-Leute-Essen, und Liebe, die fehlt Reichen, das wissen wir. Nach dem Internat Salem arbeiteten Sie lustlos im Stahlunternehmen, Sie würden freundschaftlich nur mit Menschen verkehren, die ihre Kontostände nicht mehr im Kopf dividieren könnten. Sie verstünden nicht, dass es Grenzen gibt, Verlierer, Sauerkraut.

Das Ende der evolutionären Nahrungskette

Noch einleuchtender wird unser Experiment, fühlten wir uns ein in jemanden, der sich Millionen erarbeitet hätte. Durch Intelligenz, Talent, harte Arbeit an der Börse. Kein Zufall, für den man sich in Deutschland zu schämen hätte. Wer, wenn nicht wir, könnte erwarten, dass die anderen, die Trägeren, die nicht ihres Glückes Schmied waren, zur Seite springen, wenn wir aufträten. Reichtum bedeutet heute das Ende der evolutionären Nahrungskette. Auch wenn der Arme gerne murmelt, dass Reichtum auch nicht glücklich macht, bevor er dann dem Gerichtsvollzieher auf seinem abendlichen Besuch die Tür öffnen muss. Auch wenn man mitunter das Gefühl haben könnte, Brutalität und Dummheit gewännen die Schlacht um die Vorherrschaft. Am Ende steht irgendwo ein Reicher, eine Reiche und lächelt still.

Wozu moralisch sein, wenn es sich doch offensichtlich nicht bewährt? Wozu für das Gute eintreten, wenn doch jeder eine andere Definition davon hat?

Der wirklich Reiche, der ab sechs Millionen Euro auf dem Konto, sieht, dass Empathie sich selten bewährt. Er spendet schnell ein wenig, weil es immer noch billiger ist, als sein Vermögen zu versteuern. Sein soziales Engagement bedeutet, Angestellte hervorragend zu bezahlen und an hohen Feiertagen Prämien zu verteilen, mit offener Hand, mit schwungvoller Geste.

Würden wir es anders machen? Würden wir uns an kleinbürgerliche Moralbegriffe halten, wenn wir uns doch in keinem anderen Bereich an irgendeine Vorgabe zu halten hätten? Wenn wir Politiker zahlen könnten, die Polizei, die Presse? Moral ist die Hoffnung der Armen auf eine ausgleichende Gerechtigkeit in der Welt. Der Reiche weiß, dass es die nicht gibt. Solange Menschen die Welt bevölkern.

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