S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wie soll ich leben, wenn meine Liebe stirbt?
Sie möchten wissen, wie Sie alleine weiterleben können? Wenn der geliebte Mensch nicht mehr da ist? Reden wir von einem Menschen, der Sie tröstet, in diesem Leben, in dem fast alle gegen Sie sind. Oder noch wahrscheinlicher: sich keiner für Sie interessiert? Reden wir von dem, bei dem Sie sich nicht gepresst reden hören, den Sie ansehen und beschützen wollen, der Sie beschützen will, und Sie scheitern doch beide immer wieder daran, denn dieses Leben ist stärker als Liebe, das schafft doch jeden, dieses Herumgelebe und das Wissen um das Ende.
Es macht Krankheiten, Eltern in Pflegeeinrichtungen, es macht Entlassung und Abhängigkeit, und das Ertragenmüssen von Nachbarn, die das Haustier vergiften, einfach weil sie es können, von Jugendlichen, die das Kind zusammenschlagen, von Hass und Neid, der uns umgibt, und uns bitter werden lässt, wenn da nicht einer wäre, der es uns ertragen ließe, das Leben, das alleine auch nicht schlecht ist, sicher nicht. Wir haben ja eine Wohnung, ein Wannenbad, aber es ist so anstrengend, sich jeden Morgen gerade zu halten und auf die Straße zu gehen, wofür denn eigentlich? Und was, wenn unsere Haltung zusammenfällt, so schnell geht das, und da ist man nur noch wer, der heulend in der Ecke liegt, und keine Kraftdarstellungen mehr zeigen mag? Meinen Sie den Menschen, der dann da ist und uns hält?
Die Zeit macht es nur schlimmer
Fragen Sie, was Sie tun können, wenn der, den Sie gefunden haben, nach der langen Suche, dem Gehocke und Gewarte auf den falschen Menschen, der auf einmal da war und die Welt erträglich machte, nicht mehr da ist? Der, den wir gerne sehen, und an den wir uns gewöhnen, und dem wir kein Theater vorspielen müssen, und mit dem es um alles geht, um Familie und Heimat und Wärme, aber sicher nicht um Sex oder Blumen. Meinen Sie, was Sie tun sollen, wenn der stirbt? Überfahren, krank, verunglückt, nicht mehr da von heute auf morgen?
Eine Dame in meiner Bekanntschaft hatte ihren Menschen verloren, nach 40 Jahren, sie zeigte mir ihre Wohnung und hatte einen Teddybären auf die nun leere Betthälfte gesetzt. Ich glaube nicht, dass das eine Lösung war, ich glaube, da gibt es keine Lösung, da gibt es keinen Trost, da hilft kein: Die Zeit wird es heilen. Die Zeit macht es nur schlimmer. Macht jeden Tag klar, was wir vermissen. Macht klar, dass eben nicht jeder ersetzbar ist, macht klar, dass es nicht viele große Lieben gibt, sondern einen gab, der war wie ein Lotteriegewinn, weil wir ihn ertrugen und er uns, macht klar, dass Alleinsein natürlich geht, aber nicht, wenn man es anders kannte.
Ich habe keine Ahnung, wie man mit der Trauer weiterleben kann, und warum man es sollte. Und noch ein Jahr herumbringen, mit dem Füllen des Kühlschranks, dem Warten auf den Feierabend, dem Sonntag, der leer ist, dem Winter, der beschissen ist, und noch ein Jahr, und alt werden daran, wie das gehen soll, ich weiß es nicht.