S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Trauerneid! - DER SPIEGEL
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Pompöses Staatsbegräbnis: Tränen für Kim Jong Il

Foto: DPA/ KCNA

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Trauerneid!

Einfach mal alles rauslassen, den Gefühlen über den Tod des "Geliebten Führers" so richtig Ausdruck verleihen: Liebe Nordkoreaner, das macht ihr schon ganz richtig! Davon könnten wir hier in Deutschland eine Menge lernen. Aber um wen sollten wir trauern?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebes Volk Nordkoreas!

Ich möchte einen Moment in Demut verharren und meiner Bewunderung Ihnen gegenüber Ausdruck verleihen. Offenen Mundes haben meine Landsleute und ich die Bilder bestaunt, auf denen Sie Ihrer Trauer um Ihren "Geliebten Führer" Kim Jong Il Raum geben. Wie Sie sich auf den Boden warfen, wie Sie - als wären Sie schuld an seinem Ableben im Eisenbahnwaggon - sich auf die Brust geschlagen haben, mit Steinen an das Haupt geklopft. Vor Schmerz verzerrte Gesichter, Schreie der Wehklage aus den Tiefen der Seele. Und das in dieser schönen Choreografie!

Auch mein Volk hat vor langer Zeit einen "Geliebten Führer" verloren. Aber von Trauerarbeit keine Spur! Im Gegenteil. Verdrängung trat an die Stelle. Die Menschen taten so, als hätten sie diesen Mann nie verehrt. Als hätten sie nicht an seinen Lippen gehangen, wären seinen Worten nicht gefolgt. Mein Volk hat seine Gefühle erstickt und so getan, als wenn nichts gewesen wäre. Dabei ist es so wichtig, die Nation prägende Ereignisse gemeinsam zu verarbeiten! In der kollektiven Aufarbeitung liegt die Kraft, Seelen genesen zu lassen.

Wir Deutschen brauchten erst das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern", um uns mit dem Trauma der Schuld, die wir als Volk auf uns geladen hatten, auseinanderzusetzen. Sie aber schreien einfach so heraus, was in Ihnen wütet: Schmerz und Verzweiflung. Sie schämen sich nicht, den Eindruck zu hinterlassen, Sie hätten nicht mehr alle Tassen im Schrank. Im Gegenteil, Sie wissen um die befreiende Potenz des Gefühlsausbruchs, ohne 110 Euro die Stunde für den Psychologen auf den Tisch zu legen.

Nun haben Sie Ihrem "Geliebten Führer", wie Sie Ihren angeblich auf einem heiligen Berg geborenen und von einem Stern und einem doppelten Regenbogen empfangenen Herrscher stets nannten, auch eine Menge zu verdanken. So gilt er in Ihrem Land als Erfinder des Hamburgers, hat mehrere Opern komponiert und einen modischen Stil geprägt, der ihm über Jahrzehnte internationale Aufmerksamkeit sicherte. Auch sein Führungsstil hat Maßstäbe gesetzt - was wären die Verfechter der Disziplin in der Erziehung wie Bernhard Bueb oder die Tiger-Mom ohne den pädagogischen Vorreiter, der sich nie scheute, offen zu seiner Strenge und ihren Methoden zu stehen.

Verehrte Verhüterin der Euro-Bonds...

Aber auch sonst machte Ihr "Geliebter Führer" mehr her als das, was sich bei uns "Politiker" nennt. Hielt mit seinen Atomwaffen die Herrscher der Welt in Anspannung, während unser Bundespräsident beim kleinsten "Buh!" vors Mikro rennt und seine privaten Unterlagen offenlegt. Oder unser Herr Rösler. Der steht verloren auf der FDP-Wiese und sieht hilflos zu, wie die Schafe sich in alle Winde zerstreuen. Wie soll man solche Männer je "Geliebter Führer" nennen? Allenfalls unsere Kanzlerin Angela Merkel ist ähnlich konsequent wie Ihr verstorbener Staatsvater. Der Vorschlag, von ihr von nun an als "Verehrte Verhüterin der Euro-Bonds" zu sprechen, wird sicherlich Anhänger finden. Die Flotte von Mercedes, die den Trauerzug begleitete, zeigte bereits, dass es durchaus Verbindendes zwischen Ihrem und meinem Land gibt.

Dennoch bleibt die ideologische und visionäre Schwäche unserer Volksvertreter, die es kaum vorstellbar macht, dass nach dem Hinscheiden einer politischen Führungsperson die Bevölkerung in meinem Lande in ein ähnliches Wehklagen ausbräche. Für welche Leistung auch? Allenfalls Helmut Kohl hätte, hätte er kurz nach dem Mauerfall das Zeitliche gesegnet, wohl ein paar tausend Ostdeutsche zu vergleichbaren Gefühlsausbrüchen verleiten können. Aber heute? Welches politische Personal zeigt denn den Charakter und die Persönlichkeit, die es braucht, um Menschen ein Vorbild zu sein? Unser Land wird regiert von Spießbürgern und Einknickern vor der Wirtschaft. Da hat ein Land wir Ihres, das quasi keine Wirtschaft hat, es natürlich leichter, das gebe ich zu. Dennoch war der Tod von Willy Brandt - der Kohls Mauertriumph durch seinen Kniefall in Warschau erst ermöglichte - wahrscheinlich der letzte für lange Zeit, der die Menschen in diesem Land aus Dankbarkeit und Bewunderung zu Tränen rührte.

Das Ableben Ihres "Geliebten Führers" hat nicht nur den Himmel dazu bewegt, Schneeflocken der Trauer zu schicken. Auch die Tiere waren vor Kummer ganz gram. Die Eulen sind an den Sarg gekommen, und die Tauben haben mit ihren Flügeln den Schnee von der Schulter von Kim Jong Ils Denkmal gestrichen. So etwas Schönes kennen wir, die wir ohne "Geliebten Führer" leben müssen, nur aus dem Märchen. Bei unseren Politikern würden nicht einmal die Borkenkäfer Trauer tragen.

Und so gilt Ihnen, verehrte Nordkoreaner, nicht nur mein Mitgefühl, sondern auch meine tiefe Bewunderung für Ihren Mut, aus sich herauszugehen und dem Rest der Welt zu zeigen, wie schön es sein kann, die Seele zu befreien. Das ist es, was wir, die wir immer noch meinen, es sei besser, die Volksvertreter frei zu wählen, statt sie per Erbfolge verpasst zu bekommen, von Ihnen lernen können: einfach mal die ganze Scheiße rauslassen.