Salzburg: Sprachlos in der kahlen Ikea-Welt - DER SPIEGEL
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Salzburg Sprachlos in der kahlen Ikea-Welt

Jungregisseur Thomas Ostermeier, Chef der Berliner Schaubühne, inszeniert "Der Name" bei den Salzburger Festspielen - als düstere Gespenstersonate in einer bluesigen Ikea-Atmosphäre.
Von Sven Siedenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Haben die jetzt ihren Text vergessen oder warum sagen die minutenlang kein einziges Wort? Nein: Diese Pausen gehören dazu. Sie sind sogar der eigentliche Motor dieses Stücks, das von der Sprachlosigkeit der Menschen handelt und zeigen will, wie wenig sie sich verstehen und wie trostlos ihr Alltag ist.

Wie aber zeigt man Langeweile und Leere? Regisseur Thomas Ostermeier zeigt sie, indem er sechs Menschen in eine kahle Ikea-Welt hineinstellt, wo sie sich dann entweder einsam anschweigen oder müde aneinander vorbeireden. Und manchmal jault zur schummrig illuminierten Tristesse eine Gitarre. So schaut's aus, das Gegenwartstheater: finster und öd und hübsch angebluest.

Bei den Salzburger Festspielen, auch dieses Jahr eher eine klassiklastige Veranstaltung, wagen sie endlich auch einen Blick auf die Jetztzeit. "Der Name", koproduziert mit der Berliner Schaubühne und eine deutschsprachige Erstaufführung, ist ein Stück des norwegischen Autors Jon Fosse. Es entstand vor vier Jahren und wurde mit dem Ibsen-Preis ausgezeichnet. Und tatsächlich: Wie bei Ibsen geht es ums Entlarven der Lebenslügen, ums Demaskieren aller Heuchelei, Selbstsucht und Engherzigkeit.

Hier, in dieser eisigen Familienhölle, gibt es keine Umarmungen, keine Gefühle, nur lähmende Gewohnheiten und unerfüllte Wünsche: Die schwangere Beate (Anja-Marlene Korpiun) windet sich in Schmerzen und alten Erinnerungen; ihr arbeitsloser Freund (Jens Harzer), wortkarg vor sich hin dämmernd, flüchtet sich in die Welt der Buchstaben; die plappernde Schwester (Jule Böwe) bekämpft ihre Teenie-Trauer mit Süßigkeiten; die Mutter (Stephanie Eidt) zupft neurotisch an ihrem Rockzipfel; und der Vater (Hans Fleischmann) vergräbt sein müdes Mondgesicht hinter der Zeitung, wo er in stoischer Gleichgültigkeit den Alltag zu ertragen versucht. Sie alle suchen vergeblich Nähe, selbst Bjarne (Tilo Werner), der Jugendfreund von Beate, der für ein kurzes Aufflackern der Leidenschaften sorgt, sich dann aber wieder zurückzieht in die Finsternis der norwegischen Nacht.

Thomas Ostermeier inszeniert das Stück als düstere Gespenstersonate, vor allem aber beherzigt er den theatertheoretischen Hauptsatz von Jon Fosse: "Nicht Identität, sondern Beziehungen steuern unser Leben." Und so bleibt am Ende jeder für sich allein. Der Wind pfeift, und trist tröpfelt der Regen ans Fenster. Das Leben - ein graues, namenloses Nichts.

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