Sat.1-Politshow Am heißen Brei verschluckt
Er ist gekommen, um sich zu beschweren. Jede seiner energischen Handbewegungen signalisiert Einspruch, jeder seiner Sätze ist eigentlich nur eine Variante seines absolutistischen Bekenntnisses: Die Opposition, das bin ich.
Der FDP-Politiker Guido Westerwelle, so wie er am Freitag bei Sat.1 vom Parodisten Florian Schroeder gespielt wurde, stemmt sich mit aller Gewalt gegen das große Kuscheln der Koalition - und offenbart hinter all den kämpferischen Gesten doch ein enormes Bedürfnis nach Zärtlichkeit: Lasst mich doch endlich mitkuscheln!
Die Parodie auf den politischen Möchtegern-Märtyrer Westerwelle war einer der wenigen erhellenden Momente im neuen satirischen Wochen-Talk "Der heiße Brei" (gestern Abend, 21.45 Uhr). Vielleicht ja auch deshalb, weil es sich mit der Opposition in diesem Land wie mit einer Polit-Satire am Comedy-Freitag bei Sat.1 verhält: Es ist schrecklich schwierig aus diesem superfröhlichen Einerlei herauszustechen.
Wirklich neu ist die Sendung nicht. Ende letzten Jahres lief sie schon mal unter dem nicht so witzigen Titel "Talk im Tudio" und wurde eilig gekippt. Denn auch für Polit-Comedy gilt bei Sat.1: Gewählt wird jeden Abend neu, und die Einschaltquote war nun einmal desaströs. Jetzt hat Jochen Busse, seit dem Ende der RTL-Panelshow "7 Tage, 7 Köpfe" arbeitslos, mit seiner ewig entgleisenden Hysteriker-Visage den schwierigen Auftrag, als neuer Moderator für neue Aufmerksamkeit zu sorgen.
Aufgezeichnet wird die von Hugo Egon Balder produzierte Sendung einen Tag vor Ausstrahlung, das soll Aktualität ermöglichen. Vier wechselnde Parodisten verkörpern wechselnde Persönlichkeiten, nur Antonia von Romatowski wird in der Rolle der Angela Merkel ständig dabei sein. Ihre Nachahmungen der Kanzlerin in der ersten Ausgabe von "Der heiße Brei" waren denn auch wirklich frappierend - allerdings förderten sie auch keine originellen Erkenntnisse zutage.
Die Rache der Politik am Politkabarett
In gewissem Sinne stellt Angela Merkel ja die Rache der Politik am Politkabarett dar: Sie geht offensiv mit ihren Unsicherheiten um. Das macht sie zu einem schwierigen Ziel. Wie leicht war es doch im Gegensatz dazu, die eitel zur Aufführung gebrachte Männlichkeit eines Gerhard Schröders oder die brachiale Selbstherrlichkeit eines Helmut Kohls im heiteren Spiel zu demontieren.
Doch davon abgesehen stellt sich grundsätzlich die Frage, ob "Der heiße Brei" - netto ist die Sendung kaum 25 Minuten lang - sich auf so kurzer Strecke überhaupt positionieren kann am sowieso schon schnell getakteten Comedy-Freitag. Vorher laufen Wiederholungen der populären Witzparade "Die dreisten Drei", hinterher Wiederholungen anderer sendereigener Comedy-Hits. Vielleicht vergessen die Zuschauer ja einfach umzuschalten.
Um ganz auf Nummer Sicher zu gehen, jagte Jochen Busse bei seiner Sat.1-Premiere mit seinem unvermeidlichen Sodbrennen-Tremolo besonders atemlos zwischen mehr oder minder aktuellen Themen wie dem Heide-Simonis-Auftritt beim TV-Tanzwettbewerb "Let's Dance" (RTL) und der Schulgewaltdebatte hin und her. Bloß nicht den Eindruck erwecken, man habe Zeit zu verschenken.
Vertraue niemals dem Gleichmut eines Pfeifenrauchers!
Dabei entwickelte "Der heiße Brei" immer dann entlarvende Qualität, wenn der Gastgeber den Parodisten Raum ließ, in steter Wiederholung der immer gleichen Gemeinplätze nach und nach böse Wahrheiten durchschimmern zu lassen. Neben Florian Schroeder in der Rolle des Oppositionsfähnleinführers gelang das auch Teddy Schultze, der als SPD-Fraktionschef Peter Struck im gediegenen Pfeifenraucherduktus die eine oder andere Ungeheuerlichkeit herauspaffte. Zur Diskussion um die neue Schulgewalt etwa fiel dem parodierten Ex-Verteidigungsminister der Besuch eines recht effizienten "Internats auf Guantanamo" mit seinem damaligen US-Kollegen Rumsfeld ein. Vertraue niemals dem Gleichmut eines Pfeifenrauchers!
Es wurde ja seit der letzten Bundestagswahl viel darüber nachgedacht, ob die Große Koalition der politischen Satire die Arbeit erschwere. Doch Streit und Zank lassen sich nur vermeintlich leichter aufs Korn nehmen als die absonderlich anmutende Geschlossenheit einstiger Gegner. All die Konsensfloskeln, gespielten Zärtlichkeiten und erzwungenen Höflichkeiten liefern den Parodisten in Wahrheit viel Stoff. Um ihn voll auszubeuten, bedarf es allerdings eines Formats, dessen Funktion nicht nur darin besteht, den Zuschauer zwischen zwei Gagparaden mit schnellen Pointen eine halbe Stunde bei der Stange zu halten. Der Comedy-Freitag auf Sat.1, bis auf weiteres kein Ort für politische Satire.