Satire Citizen Kirk
Zu den Mitspielern gehören der deutsche Bundeskanzler und seine Gattin, ein sexuell verwirrter liberaler Politiker mit Vornamen Guido und eine Frau namens Christiane zu Salm, die, mit einem Megafon bewaffnet, von martialischen Polizisten ein besetztes Haus räumen lässt.
Es ist, wie oft bei Christoph Schlingensief, eine verwegene Chaostruppe von aus der Realität abgepausten Comicfiguren auf den Theaterbrettern der Berliner Volksbühne versammelt um, wie es der Regisseur und Autor nennt, "vom Terror in uns allen und vom Weg ins Private zu erzählen".
Im Zentrum des Geschehens aber gelobt ein Held Revolutionäres: "Ich will mein Leben und meine Kraft für dieses eine Ziel einsetzen aus unserem Land eine echte Demokratie zu machen. Ich will, dass unsere Zeitung größer, schöner und mächtiger wird als alle Zeitungen, die es jemals gegeben hat: Die Zeitung am Sonntag! ZAS!"
Nur wer in Mediendingen völlig ahnungslos ist, wird da nicht an die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", kurz "FAS", und ihren Mitherausgeber Frank Schirrmacher, 42, denken und tatsächlich gibt Schlingensief zu, dass er in sein Spektakel "Rosebud", das am Freitag in der Volksbühne Premiere haben sollte, "ein paar Interview-Äußerungen Schirrmachers eingebaut hat"; so die Schwärmerei, es lasse sich "wunderbar unterhaltsam über die Dekodierung des Genoms schreiben".
Nicht zu den Original-Schirrmacher-Zitaten gehört eine Standpauke des Bühnenhelden an seine Mitstreiter: "Ich verlange von euch absoluten Gehorsam!", heißt es da, "ich mach euch alle kaputt! Ich schlag euch eure weißen Jacketkronen raus! Ab jetzt wird nur noch für die Zeitung gelebt!"
Was treibt Schlingensief, 41, um, sich ausgerechnet mit Schirrmacher und dessen seit Ende September erscheinendem Sonntagsblatt zu beschäftigen? Rächt sich der Regisseur, der selbst gelegentlich Kolumnen für die "Berliner Seiten" der "FAZ" schreibt, an seinem Förderer? Ist "Rosebud" Plakatmotto: "Die privaten Probleme des Verlegers können nicht die Probleme des Verlages sein" gar ein Enthüllungsstück über die Kanzlernähe, den Allmachtstrieb, ja die libidinösen Umtriebe des "FAZ"-Regenten?
Über solche Fragen wurde in der Berliner Medienwelt vor der Premiere munter spekuliert, zumal Textpassagen aus Schlingensiefs Stück kursierten. Da gebe es etwa eine Figur namens Susi, die mal "Hey, hey, hey" (aber auch "Fuck, fuck, fuck") rufe und so an die mit Schirrmacher befreundete junge Autorin Rebecca Casati und ihren Roman "Hey Hey Hey" erinnere na, so was.
Was das alles soll? Klare Antworten sind, wie es sich für den Schwirrkopf Schlingensief gehört, nicht einfach zu haben.
"Manche Leute halten das Stück für eine totale Vereierung Schirrmachers", sagt Schlingensief, "aber das ist es nicht." In Wahrheit huldige sein Werk neben dem Kinoklassiker "Citizen Kane" (der Story vom mythischen Medienmogul, der nur seinen Schlitten namens "Rosebud" liebt) vor allem dem Ibsen-Stück "Rosmersholm", in dem auch über die Gründung einer Zeitung diskutiert wird: Die an Schirrmacher erinnernde Figur in "Rosebud", gespielt vom Schauspieler Volker Spengler, heißt denn auch "Rosmer".
Andererseits verrät Schlingensief: "Für mich ist die Gründung der ,FAS' durchaus ein terroristischer Akt." Schirrmacher und seine Mitstreiter nämlich hätten die traditionell konservative Position der "FAZ" verwischt, indem sie dem Gegner "einfach die Leute wegkauften" und "die nun benutzen, um andere Haltungen zu besetzen". So habe er "Unschärfe produziert" und "die eigenen Leute in Parkgaragen reingezwungen, wo sie sich nur noch mit dem beschäftigen dürfen, was man ihnen vorsetzt so bildet man Schläfer aus".
Aha. Wahr daran ist, dass sich dank Schirrmachers Personalpolitik der "FAZ"-Kulturteil und dessen alter Widerpart, das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"), immer ähnlicher sehen. In der "SZ", wo einst charmanter Leichtsinn den Ton angab, verbreitet mittlerweile eine Crew von (angeblich vor Schirrmacher nach München geflohenen) Ex-"FAZ"lern oft bleischweren Gelehrten-Grimm; in der "FAZ" sorgt ein unübersichtlicher Richtungskampf bisher nur selten für frischen Wind, dafür aber für allerlei Kompetenzrangelei mit dem neuen Sonntagszeitungs-Team; so dürfen "FAS"-Redakteure nur dann über wichtige Kulturereignisse schreiben, wenn die Frankfurter Zentrale das vorher absegnet.
Aber taugt das alles als Bühnenthema? Daran zweifelte offenbar auch Schlingensief: In seinem "Rosebud"-Spektakel wird das "ZAS"-Projekt gegen Ende eher beiläufig beerdigt, das Schirrmacher-Double Rosmer ächzt: "Ich hab so viele Artikel im Kopf, ein ständiges Pochen ist das."
Der reale Schirrmacher, wegen seiner Begeisterung für Zukunftsvisionen aller Art gern "Captain Kirk" genannt, sah der "Rosebud"-Premiere dagegen "sehr gelassen" entgegen. Er fühle sich durch Schlingensiefs "Versuch, einem fiktiven Charakter Züge von mir zu geben", so der "FAZ"-Mann, "nicht nur geschmeichelt, sondern geradezu gewürdigt".
WOLFGANG HÖBEL