Choreografie zu "Macbeth": Die sind ja nackt!
"Macbeth" in Frankfurt Das große Tischerücken
Constanze Becker hat die Würde einer Königin. Das hat sie als Star des Frankfurter Schauspielensembles schon oft bewiesen. Als Lady Macbeth darf sie das so richtig zelebrieren.
Langsam und erhobenen Hauptes schreitet sie quer über die Riesenbühne des Schauspielhauses, ein schwarzer Federkragen ziert ihren Hals, hinter sich zieht sie eine lange schwarze Schleppe her: "Löscht aus, was an mir Frau ist", spricht sie, und da beginnt sich die Schleppe aufzubauschen, Hände strecken sich aus ihr hervor und betatschen den Leib der künftigen Königin von Schottland: Die Dämonen, die unter ihrem Rock verborgen waren, ergreifen von ihr Besitz, die Lady windet sich, halb entsetzt, halb lustvoll.
Fortan wird sie keine Skrupel mehr haben, ihrem Gatten Macbeth den Weg zum Thron freizuräumen, wie es ihm die Hexen prophezeit haben: Erst hilft sie ihm bei der Ermordung des Königs, dann beim Um-die-Ecke-Bringen aller potenziellen Thronerben.
Die Szene gehört zu den stärksten des knapp zweistündigen "Macbeth"-Abends, der jetzt unter der Regie des kanadischen Choreografen Dave St-Pierre am Frankfurter Schauspiel Premiere hatte. Dennoch birgt sie auch alle Schwächen dieser Inszenierung: Das schöne Bild ist schnell durchschaut, wird aber in pompöser Ausführlichkeit ausgewalzt. Und wer sich den Shakespeare nicht vorher noch mal reingezogen hat, wird ziemlich allein gelassen, wenn er die Szene in die Handlung einordnen will.
Aber sage niemand im Publikum, er sei nicht gewarnt gewesen. Als "Bastard von Dave St-Pierre und William Shakespeare" war dieser "Macbeth" angekündigt, und genau das ist er: eine unbefriedigende Mischung aus Tanz- und Sprechtheater. Die Schauspieler werden wie Tänzer eingesetzt, sie machen das erstaunlich gut, aber es ist natürlich kein Vergleich zu Profi-Tänzern. Mit dem Text kann der Choreograf wenig anfangen; die paar Sätze, die er von Thomas Braschs Übersetzung sprechen lässt, klingen feierlich hohl.
Unter eingeblendeten pseudo-biblischen Kapitelüberschriften wie "plage", "hagel", "hungersnot" greift sich St-Pierre einzelne Momente aus der "Macbeth"-Handlung raus, auch solche, die bei Shakespeare nur am Rande vorkommen, wie die Ermordung von Lady Macduff, bei ihm ein halbnacktes Bondage-Girl (Kostüme Raphaela Rose).
Dass St-Pierre andere Akzente in der Geschichte setzt als Shakespeare, ist dabei gar nicht das Problem. Aber es führt zu nichts. Der Königssohn Malcolm etwa, verkörpert von Lisa Stiegler, drückt seine Verzweiflung über den Mord an seinem Vater durch Rennen im Kreis aus, zuerst im Uhrzeigersinn, dann in die Gegenrichtung, als wolle er die Zeit umkehren. Das ist zuerst ganz eindrucksvoll, dann wird es öde, schließlich albern. Stiegler darf aber erst aufhören, als sie sich völlig verausgabt hat.
Die Bässe wummern im Magen
Oder die Szene zwischen Macbeth, den Viktor Tremmel als kompakten Kraftbolzen spielt, und seiner Lady nach dem ersten Mord: In einem Labyrinth aus Dutzenden Tischen nähern sie sich einander an, legen Feuer in ihre Blicke wie beim Tangotanzen und umschlingen sich. Ein schönes Bild, aber ohne das düster-mystische Licht, den hämmernden Sound und die dramatisch dräuenden Wolken, projiziert auf die Bühnenrückwand, wäre es nicht viel mehr als ein Hindernis-Ringelreihen.
Viel Aufwand, wenig dahinter. Wäre man kein so gut dressierter Theaterbesucher, würde man schon bald rufen: Die sind ja nackt! Und das, obwohl der als Enfant terrible zu einigem Ruhm gelangte Dave St-Pierre diesmal allen Darstellern die Höschen anlässt. Auch aufs Blutpritscheln verzichtet er bei seinem Debüt als Schauspielregisseur, stattdessen wird viel mit schwarzblauer Farbe rumgeschmiert. Offensichtlich ist das die Farbe des Bösen.
Dass der Abend so nichtssagend ist, ist nicht die Schuld der Schauspieler. Es ist ein Problem der Dramaturgie. Um einzelne bombastische Bilder zu schaffen, nimmt St-Pierre dazwischen große Löcher in Kauf. Die Darsteller der Dämonen, in schwarzen Kapuzenpullis und mit schwarzen Masken vorm Gesicht, werden in diesen Umbaupausen zu Bühnenarbeitern: ein ständiges Tischerücken, nur leider ganz ohne Magie. Man würde den Intendanten Oliver Reese, designierter Chef des Berliner Ensembles, und sein Leitungsteam gern fragen, was die Idee hinter dem Engagement von St-Pierre war, außer mit einem spektakulären Namen angeben zu können.
Das Finale ist ein Kraftakt, St-Pierre rettet sich in die Überwältigungstaktik: Die Bässe werden noch mal richtig aufgedreht, man spürt das Wummern im Magen. Auch Macbeth muss jetzt im Kreis rennen, er zieht dabei einen großen Haufen weißer Stoffpuppen hinter sich her, die Leichen, die er auf dem Gewissen hat. Er rennt und rennt und entkommt ihnen nicht. Das ist so kitschig und so platt, dass man dann doch erschüttert ist.
Zum erstaunlich euphorischen Applaus lässt sich das Regieteam nicht blicken. Die Pressestelle erklärt auf Nachfrage, St-Pierre und seine Leute hätten sich einfach die Inszenierung selbst vom Zuschauerraum aus anschauen wollen. Der Weg auf die Bühne wäre leicht zu machen gewesen.
"Macbeth": Ein Bastard von Dave St-Pierre und William Shakespeare. Im Schauspiel Frankfurt . Nächste Vorstellungen am 22.04. (ausverkauft) sowie 01., 02., 17., 18., 22., 28., und 29.05.. Karten unter www.schauspielfrankfurt.de .