Schauspieler-Interviews Herr Thieme im Telefonverhör
Im Jahr 2001 kehrte der in Weimar geborene und dort auch aufgewachsene Schauspieler Thomas Thieme, damals gerade erst in einer Umfrage unter Deutschlands Kritikern zum "Schauspieler des Jahres" gekürt, in seine Heimatstadt zurück, weil er im Weimarer Nationaltheater den Doktor Faust im "Faust" des Johann Wolfgang Goethe spielen sollte.
Er vereinbarte mit einem Weimarer Kritiker namens Frank Quilitzsch, während der Proben immer mal wieder Telefon-Interviews über den Fortgang der Arbeit zu geben - und seitdem reden die beiden praktisch ohne Unterlass.
Rund 100 Interviews der beiden aus den vergangenen sieben Jahren präsentiert der Band "Thomas Thieme: Ich Faust" (Untertitel: Gespräche mit Frank Quilitzsch über Theater, Fußball, Gott und die Welt"); und aus diesen komischen, ernsten und manchmal absurden Texten erfährt man nicht nur jede Menge über den Menschen Thieme, diverse wichtige Fußballspiele und die Weimarer Verhältnisse vor und nach dem Mauerfall, sondern auch über die Lust und den Frust der deutschen Theaterwelt.
"Ich bin nicht wegen der Repressalien aus der DDR abgehauen, sondern wegen der Bevölkerung", lautet ein großartiger Thieme-Satz. Tatsächlich erzählt er auch im Buch, wie er nach einigen Schikanen 1984 legal von Ost nach West umsiedeln durfte, danach bei den heute schon legendären Krawallinszenierungen Einar Schleefs in Frankfurt am Main mitmischte und bald am Burgtheater in Wien und an der Berliner Schaubühne landete.
Quilitzsch fragt bei jedem seiner Telefonverhöre, wo sich Thieme gerade aufhält, wodurch das lustige Bewegungsbild eines Großmimen entsteht, der mal hier eine Filmrolle spielt und mal dort in der ungewohnten Rolle des Theaterregisseurs losdonnert: "Dass es krachen wird, ist gar nicht zu vermeiden."
Schlau und anrührend spricht Thieme über die Rollen, die er spielt, den Streit um den entrissenen Notizblock eines Theaterkritikers, seine Eltern und sein ruppiges Idol Zinedine Zidane, und die Grenzen seiner Darstellungskunst. Er könne ja allerhand, sagte er einmal, aber "ich kann mich nicht zwanzig Jahre jünger spielen."
Deshalb sah sein Weimarer Doktor Faust nach der Verjüngung auch runtergerissen genau so aus wie davor.
Frank Quilitzsch: "Thomas Thieme - ICH FAUST." Gespräche mit Frank Quilitzsch über Theater, Fußball, Gott und die Welt. Theater der Zeit; 263 Seiten; 18 Euro.