Schrille Kunst-Auktion: Playboy-Hemd und Lassolicht - DER SPIEGEL
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Schrille Kunst-Auktion Playboy-Hemd und Lassolicht

Auktionen sind nur zum Kaufen da? Denkste. Wenn der angesagte Münchner Blumenbar-Verlag zur Kunst-Versteigerung lädt, macht die Schickeria daraus ein Happening, bei dem der Promi-Faktor zählt. Denn auch in der Kunstwelt gilt: Schein zählt mehr als Sein.
Von Jenny Hoch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Leben. Eine Gebrauchsanweisung" heißt die Aktion, die sich die Blumenbar-Verlagsleiter Lars Birken-Bertsch und Wolfgang Farkas eher als "surrealistische Operation" denn als schnöde Verkaufsauktion vorgestellt hatten. Sie erhoben mit ihrer dreitägigen Aktion einfach das zur Kunst, was eigentlich nur zum Verkauf derselben gedacht ist. Es ging darum zu zeigen, wie dünn die Grenze zwischen Kunst und Leben ist.

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Blumenbar-Auktion: Kunst für Kenner

Foto: Blumenbar

Die Idee kam den Blumenbar-Leuten, als sie Georges Perecs' Roman "La Vie Mode D'Emploie" lasen. Das Buch, das in Deutschland vergriffen ist, aber unter Kennern längst Kultstatus hat, handelt von einem leer stehenden Pariser Wohnhaus, in dem die Charaktere der ehemaligen Bewohner, deren Lebensgeschichten und das Mobiliar anhand von Listen wie Teile eines großen Puzzles arrangiert werden.

Um einen ähnlich flüchtigen Kosmos aufzubauen, schwatzten sie monatelang mehr oder weniger renommierten Künstlern Kunst und Kurioses zu Sonderpreisen ab und ließen sich die Geschichten hinter den mehr als 200 Objekten erzählen. Chris Dercon, Leiter des Münchner Hauses der Kunst, war sofort begeistert von dem ungewöhnlichen Konzept und stellte sein Museum als Veranstaltungsort zur Verfügung.

"Fast alle Ausstellungsstücke hier haben einen Bezug zu München. Und sie umfassen neben den klassischen Gattungen auch Design und Mode, das finde ich toll", sagt der renommierte belgische Ausstellungsmacher. Sehr imponiert habe ihm, wie der kleine Blumenbar-Verlag sich vor einiger Zeit in einem weitsichtigen Coup die Übersetzungsrechte an Hunter S. Thompsons einzigem Roman "The Rum Diaries" gesichert habe - lange bevor sich die Ikone des New Journalism im Februar diesen Jahres per Kopfschuss das Leben nahm und damit ein internationales Thompson-Revival auslöste.

Bier statt bieten

Um die Aktion des Verlages zu unterstützen, hatte Dercon seine Verbindungen zur internationalen Kunstszene spielen lassen. So konnte man bei der dreitägigen Auktion etwa ein ungeöffnetes Paket der amerikanischen Rockpoetin Patti Smith, ein unsichtbares Lächeln von Isabella Rossellini, Boxhandschuhe von Wolf Wondratschek, ein riesiges Tourneeplakat der Band Tocotronic, mehrere Werke des Punk-Künstlers Billy Childish oder einen Alfa Spider Baujahr 1976 des Münchner Aktionskünstlers Flatz ersteigern.

Auktionator Askan Quittenbaum gab sich dann auch alle Mühe, mit seinem Hämmerchen gegen den anschwellenden Geräuschpegel im Saal anzukommen. Denn anders als bei den prestigeträchtigen Auktionen von Christie's oder Sotheby's saß hier kaum jemand ruhig auf seinem Stuhl und wartete mit gezückter Brieftasche auf das Objekt seiner Begierde. Das Münchner Szenevolk schlenderte lieber mit einem Bier in der Hand umher und legte ausgiebige Rauchpausen an der "Goldenen Bar" des Museums ein. Es gab offenbar mehr zu reden als zu gucken, schließlich kannte man sich aus der Kunstakademie, dem germanistischen Oberseminar oder zumindest aus einer der Szenekneipen im Münchner Glockenbachviertel.

Das hatte den Vorteil, dass der langgestreckte Terrassensaal im Haus der Kunst schnell seine museale Aura verlor und sich in einen der berüchtigten Blumenbar-Partyräume verwandelte. Der Nachteil war, dass kaum jemand gekommen war, um ernsthaft in die Bilder und Objekte, etwa von Turner-Preisträger Jeremy Deller, Designer Konstantin Grcic oder dem Münchner Kneipenmaler Florian Süssmayr zu investieren.

Anziehender Playboy

Während Chris Dercon mit geballter Museumsdirektor-Autorität ein Werk von Christoph Schlingensief anpries, auf dem der Theatermann mit mittelscharfem Senf den Abdruck seines Hinterns verewigt hatte ("eine ganz wichtige Arbeit"), zeigte sich, dass bei den Münchner Gelegenheits-Sammlern weniger hochkarätige Stücke als Show-Objekte mit Promi-Faktor gefragt sind.

Als ein Hemd des ehemals vitalen Playboys Gunter Sachs aufgerufen wurde, kam es endlich doch noch zum ultimativen Bieter-Gefecht. 3600 Euro bezahlte ein junger Mann für das in die Jahre gekommene Kleidungsstück, das etwas schlaff unter einer knittrigen Cellophanhülle hing.

Dafür bekam er ein großes Beweisfoto und eine hübsche Anekdote gratis dazu. Wie auf dem Bild zu sehen ist, trug Sachs das Hemd mit dem Efeuprint 1972 anlässlich der Eröffnung der ersten Ausstellung von Andy Warhol in Europa, die in der Galerie des Millionärs in Hamburg stattfand. Damals wollte niemand etwas von dem amerikanischen Underground-Künstler kaufen. Gunter Sachs erbarmte sich und erstand heimlich selbst die Hälfte der Bilder. Der Rest ist Geschichte: Ein paar Jahre später hatte sich der Verlegenheitskauf in einen Kunstschatz verwandelt.

Am Ende, sagt der Auktionator, beantworte die leidige Frage, was Kunst sei, sowieso das Finanzamt: Für Kunst müsse man nur sieben Prozent Mehrwertsteuer zahlen, für Gebrauchsgegenstände wie den hier angebotenen Reisekoffer von Otto Dix, 16 Prozent. Es gilt eben, was der Blumenbar-Autor Hunter S. Thompson treffend formulierte: "It's not art, until it's sold."

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