Schröder bei Beckmann Regieren mit Rilke
Eines muss man Gerhard Schröder zugestehen: Mit Pisa hat er nichts zu schaffen. Weder mit Pisa I noch mit Pisa II. Dann schon eher mit Hartz IV. Das ist "notwendig und alternativlos". Ein Leben lang hat er gelernt und gelernt, besser, schneller und wirkungsvoller als andere - auch wenn sein Englisch nicht wirklich für politische Gespräche mit George W. Bush ausreicht. Der zweite Bildungsweg, eine typische Reformidee der sechziger Jahre, war Schröders Königsweg.
Sein Auftritt bei "Beckmann" (ARD) gestern Abend zeigte einen Bundeskanzler, der nahezu alle politischen Lektionen gelernt hat. Souverän, unerschütterlich, freundlich und charmant beantwortete er den schier endlosen Fragenkatalog des Talkshow-Moderators, der einen exklusiven und persönlichen Jahresrückblick im Sinne hatte, Privates inklusive.
Die Zuschauer konnten spüren, dass da einer aus dem tiefen Jammertal des Sommers 2004 herausgefunden hat: Wahlniederlagen der SPD in Serie, wütende Hartz-IV-Proteste, katastrophale Umfragewerte. Entspannt kann Schröder nun zuschauen, wie sich CDU und CSU am Entwurf einer grundlegenden Gesundheitsreform - ein Thema, an dem bisher noch jeder in Deutschland gescheitert ist - die Zähne ausbeißen und dabei auch noch ihre besten Leute verlieren.
Vergebliches Hoffen auf Schröderismen
Er selbst hat seine Arbeit ja im Wesentlichen gemacht und muss jetzt nur noch "Kurs halten". Das Problem: Kurs zu halten und seiner tiefen inneren Überzeugung zu folgen ist ziemlich langweilig. Zumindest in einer Fernseh-Talkshow, in der sonst Uschi Glas und Karl Lagerfeld auftreten.
Deshalb hoffte man insgeheim auf ein paar Schröderismen wie in guten alten Tagen. Zum Beispiel über Horst Köhler, den Bundespräsidenten, der sich völlig ungebeten in die Feiertagsplanung der Bundesregierung in Sachen 3. Oktober eingemischt hat. Stattdessen sagt der Kanzler, der sei ein "Verfassungsorgan", mit dem man zusammenarbeiten müsse. Etwaige Unstimmigkeiten werde er mit ihm heute, selbstverständlich hinter verschlossenen Türen, gesprächsweise "ausräumen". Na dann viel Spaß.
Oder über George W. Bush und seine Gottesauserwähltheit im Weißen Haus. Statt ein handfestes Wortes über den religiös verklemmten Präsidenten aus Texas loszulassen, der nicht einmal die Sturmreihe der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954 auswendig aufsagen kann, philosophiert Schröder über den Wert der europäischen Aufklärung. Dass Gott im Weißen Haus eingezogen sei, erscheine ihm unter dem Aspekt der Säkularisierung zwar auch etwas befremdlich, aber mit Bush als Mensch habe er "keine Schwierigkeiten".
Ebenso wenig übrigens wie mit der neuen US-Außenministerin, Condoleezza "Condi" Rice, die immerhin ein beachtliches Buch über die deutsche Wiedervereinigung geschrieben habe. Gleichwohl werde man Colin Powell "vermissen", den guten Freund der Deutschen.
Adoptiert Kinder!
Und so ging es weiter. Diplomatische Antworten aus der Retorte, fehlerlos vorgetragen, aber ohne jeden Neuigkeitswert: Dass ihm sein schweres Amt "Freude" bereite, aber weiß Gott kein Spaß sei, dass wir "in einer Umbruchzeit" leben und die Ossis womöglich ein klitzekleines bisschen zu hohe Erwartungen an den Staat haben, dass "Toleranz nicht Gleichgültigkeit heißt" und wir trotzdem "nichts dramatisieren" dürfen. Nicht zu vergessen: Sein Freund Wladimir Putin werde Russland "zu einer ordentlichen Demokratie machen".
So viel Glaube muss sein.
Wäre da nicht das weite Feld des Privaten, ja Intimen, die Zuschauer hätten ganz auf dem Trockenen gesessen. Zuallererst Victoria, die dreijährige Adoptivtochter aus Russland. "Sehr glücklich" seien alle mit ihr, verriet ein glücklicher Kanzler. "Sie selbst natürlich auch." Aber das war's dann schon wieder an Neuigkeiten aus dem Haus Hannover. Mehr Privates sei tabu. Gerade eben noch rutschte ihm heraus, dass die Kleine schon fleißig Deutsch lerne. Auch hier schien wieder der Subtext des Abends durch: Gib Pisa keine Chance!
Doch Schröder wäre nicht der, der er ist, wenn er die private Erfahrung nicht gleich zu einem politischen Aufruf nutzen würde: Adoptiert Kinder! rief er seinen Mitbürgern auf den heimischen Sesseln und Sofas zu und wies zugleich alle Verdächtigungen zurück, er habe im Falle Victoria irgendwelche Privilegien ausgenutzt.
Bedenklich an diesem Appell erscheint allein der Schrödersche Vertrauensverlust in die Zeugungswilligkeit (und -fähigkeit?) seiner Wählerinnen und Wähler. Massenadoption als Teil der "Leitkultur"? Kann das wirklich die Antwort auf die demographische Katastrophe und die Gefahr wachsender "Parallelgesellschaften" sein?
Einen harmlosen Ausweg für völlig Kinderunwillige deutete der Kanzler schließlich selber an: Man kann auch viel Freude an einem Hund haben, so wie die Schröders mit ihrem Terrier Holly. Es kann kein Zufall sein, dass Doris Schröder-Köpf gerade eine Hunde-Accessoire-Linie bei Rossmann herausbringt. Mit Weihnachtskalender.
Die tiefste Wahrheit aber lag in Schröders Augenstrahlen, als er von der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland sprach, von der "tollen Arbeit" des neuen Teams um Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff und dem positiven Geist, der über das Land kommen werde. Es stimmt halt doch: Fußball ist unser Leben.
Und dann kam der Augenblick, da Schröder Rilke vortrug:
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.