Schröder vs. Stoiber: Showdown im DDR-Studio - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schröder vs. Stoiber Showdown im DDR-Studio

Am Sonntag stehen sich erstmals in der deutschen TV-Geschichte der amtierende Kanzler und sein Herausforderer in einem Fernseh-Duell gegenüber. Über die große Bedeutung für den Wahlausgang in vier Wochen herrscht unter Experten Einigkeit. Entscheidender als der verbale Schlagabtausch selbst dürfte jedoch die Nachberichterstattung sein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vier Wochen vor der Bundestagswahl ist die politische Atmosphäre gespannter denn je. Die Flutkatastrophe entlang der Elbe bescherte dem Bundeskanzler und seinem Krisenmanagement einen Anstieg der Umfragewerte von 31 auf 38 Prozent. Zwar liegen CDU und CSU mit 39 Prozent weiterhin vorne, doch der Optimismus im Unionslager sinkt, je hilf- und konzeptloser sich Kanzlerkandidat Edmund Stoiber und CDU-Chefin Angela Merkel bei der Bewältigung der Katastrophenfolgen präsentieren. Am Sonntagabend (20.30 Uhr, RTL), wenn sich erstmals in der deutschen Geschichte ein Kanzler und sein Herausforderer ohne Sekundanten vor laufenden Fernsehkameras mit Worten duellieren, könnte es daher tatsächlich so spannend werden, wie es in den Medien schon seit Wochen beschworen wird.

Gerhard Schröder muss das erste von zwei TV-Duellen dazu nutzen, sein soeben wiederbelebtes Image als Macher zu kräftigen. Als "Medienkanzler" dürfte es ihm leicht fallen, sich selbst und die Politik seiner Regierungskoalition erfolgreich zu inszenieren. Man kennt seinen gelassenen Sprachstil, die süffisanten Bemerkungen und das leicht Abschätzige und Abkanzelnde in seiner Stimme. Dass ihm die Flut Auftrieb verschaffte, rückt den in den vergangenen Monaten immer angeschlagener wirkenden Kanzler in eine günstige Ausgangsposition. Nach eigenen Aussagen geht Schröder "entspannt und gut vorbereitet" in das Fernsehduell. Man hat keinen Grund, das zu bezweifeln.

Anders dürfte es Edmund Stoiber gehen. Wie der "Stern" berichtete, lässt sich der Kanzlerkandidat von dem TV-Experten Boris Starck ("Ran", "Beckmann") coachen, um neben Schröder eine gute Figur zu machen. Seit seinem peinlichen Auftritt bei Sabine Christiansen weiß die Nation um die aufgeregte Hektik, der Stoiber im Fernsehen anheim fallen kann. Verhaspelungen wie jene, die ihn damals über Wochen hinweg dem Spott der Öffentlichkeit aussetzten, wird er am Sonntag unbedingt vermeiden wollen.

Was gibt es objektiv zu sehen?

Kanzler Schröder (SPD), 58, 1,74 Meter, und Herausforderer Stoiber (CSU), 60, 1,87 Meter, werden sich vor der eigens hergerichteten Duell-Kulisse im ehemaligen DDR-Studio Berlin Adlershof an zwei Pulten gegenüber stehen. Vor ihnen, auf einem erhöhten Podest, sitzen die Moderatoren Peter Kloeppel (RTL) und Peter Limbourg (Sat.1), die den Kandidaten Fragen von A wie Arbeitslosigkeit bis Z wie Zuwanderung stellen werden. Zu Beginn wird es jedoch zunächst um die Folgen der Flutkatastrophe und die Finanzierung der Hilfsprogramme gehen. Die erste Frage, das entschied das Los, wird übrigens an Schröder gehen. Dafür hat Stoiber am Schluss das letzte Wort. Zwei Wochen später, wenn sich die beiden Kontrahenten am selben Ort und zur selben Zeit, aber ausgestrahlt von ARD und ZDF, erneut den Fernsehkameras stellen (Moderation: Maybritt Illner und Sabine Christiansen), wird es umgekehrt sein.

Nach 75 Minuten ist das Kandidaten-Verhör beendet, und die Auswertung beginnt. RTL-Anchorman Kloeppel wird sich zusammen mit SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und dem ehemaligen WDR-Intendanten Friedrich Nowottny einer ersten Analyse widmen und eine Einschätzung abgeben, wer das TV-Duell für sich entschieden haben könnte. Im Anschluss gibt es ein SPIEGEL-TV-Spezial mit einem Schwerpunkt zum Thema.

Als Regisseur der TV-Duelle konnte Volker Weicker gewonnen werden, der zu den besten Live-Regisseuren der Republik zählt. Für seine dezente Inszenierung der RTL-Nachrichten nach dem 11. September erhielt er gemeinsam mit Peter Kloeppel den renommierten Medien-Preis des Grimme-Instituts. Vor einer maßvoll in Grau und Blau gehaltenen Studiokulisse will er Schröder und Stoiber jedoch eher dokumentieren als inszenieren, sagte er gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Ich werde eine klare Bildsprache mit Großeinstellungen wählen. Es wird aber keine Kräne geben und keine bewegten Bilder. Jeder Politiker wird seine Kamera haben, wenn er das Publikum direkt ansprechen möchte. Jeder darf natürlich seine Schokoladenseite zeigen", sagte er.

Was gibt es subjektiv zu sehen?

Über die Bedeutung der TV-Duelle, bisher eher aus dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf bekannt, herrscht Einigkeit bei Medien-Experten. Der Chef des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf, Jo Groebel, ist der Meinung, dass die Fernseh-Duelle "sehr wohl die Wahl entscheiden" könnten. Angesichts der hohen Zahl der noch unentschiedenen Wähler und des geringen Abstand beider politischer Lager könnten die Duelle die maßgeblichen Prozentpunkte am Wahlabend ausmachen. Der hohe Rang, den die Medien den TV-Duellen in den vergangenen Wochen zugeschrieben hätten, wirke sich zudem entsprechend auf die Wahrnehmung der Wähler aus. Er warnte allerdings die Medien, die Veranstaltung im Nachhinein wie eine Sportveranstaltung auszuwerten.

Auch der Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl, Bernd Gäbler kritisiert den medialen Rummel um die bevorstehenden TV-Ereignisse. "Die Kanzler-Duelle werden nicht wie ein wichtiges Element der politischen Meinungsbildung dargeboten, sondern mit Trailern, Countdown, Live Ereignis, Vor- und Nachbereitung dramaturgisch inszeniert wie ein Sport-Highlight", sagte Gäbler, "fehlt nur noch, dass die besten Sätze anschließend in Zeitlupe wiederholt werden".

Die Medien als "Spin Doctors"?

Hans-Matthias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunikationswissenschaft in Mainz, ist ebenfalls der Meinung, dass die Folge- und Begleitwirkungen eines TV-Duells viel entscheidender seien als das Ereignis selbst. In einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" beschrieb er den Mythos der ersten amerikanischen Fernseh-Duelle zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon im Präsidentschaftswahlkampf von 1960. Kennedy , der letztlich auch die Wahl gewann, gelte als Sieger aller vier TV-Duelle, obwohl er allen späteren Umfragen zufolge nur eines, das erste, tatsächlich für sich entschieden habe. Der Grund für den Mythos von der Überlegenheit Kennedys habe nicht in seiner gegenüber Nixon stärkeren Telegenität, schon gar nicht an seiner Überzeugungskraft oder politischen Argumenten gelegen. Vielmehr hätten die zu jener Zeit dominierenden liberalen US-Medien in ihrer Nachberichterstattung für eine Verklärung der Debatten gesorgt. Der Zuschauer, so Kepplinger, neige dazu, sich einem vorgegebenen Urteil anzuschließen, auch, wenn er noch während des Duells eine ganz andere, eigene Meinung gehabt hatte.

In den USA ist es seit langem üblich, dass sich die "Spin Doctors", die Wahlkampfmanager der Kandidaten, nach den Fernsehduellen unter die Medienvertreter und Journalisten mischen, um diese - und damit die Folgeberichterstattung - mit Interpretationen gezielt zu beeinflussen. Bei den ersten deutschen TV-Duellen fällt diese meinungsbildende Rolle nach Meinung von Kepplinger sogar direkt den Journalisten zu, die unmittelbar nach dem Ereignis über Eindrücke, Körpergröße, Konzepte, Rhetorik und allgemeine Punktevergabe beraten werden.

Grimme-Chef Gäbler rät dem Zuschauer daher sogar, den Fernseher vor wie nach den Duellen ausgeschaltet zu lassen und sich für den Schlagabtausch der Kandidaten eigenhändig vorzubereiten: "Gut ist es, wenn man sich vorher vergegenwärtigt oder gar aufschreibt, welche Themen und Fragestellungen man selber für entscheidend hält", so der Ratschlag des Medienexperten. Wer sich solche Leitfragen selbst erarbeitet und das TV-Duell so präpariert kritisch betrachtet, kann davon einen Gewinn haben".