Schul-Talk bei Anne Will: Setzen, sechs! - DER SPIEGEL
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Schul-Talk bei Anne Will Setzen, sechs!

Zuschauen als Strafarbeit: Bei Anne Wills Schulreform-Talk beließen es die Politiker bei schalen Willensbekundungen, die geladenen Lehrer übten sich in öder kollegialer Diplomatie - und die Moderatorin verbiss sich thematisch dort, wo nichts zu holen war.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Verlegenheitslösung war das Thema nicht, zu dem Anne Will in ihr Berliner Studio einlud: "Reformwut in der Schule - Klassen-Kampf statt klasse Bildung?" war ihr Abendtalk betitelt. Jahre nach Pisa ist die scheinbar totdiskutierte Bildung wieder in: Kanzlerin Angela Merkel erklärte sie Anfang Juni zur zentralen Aufgabe für die nächsten Jahre, rief gleich noch die "Bildungsrepublik" aus, begab sich im Sommer auf eine Bildungsreise quer durch Deutschland und wird Ende Oktober die Vertreter von Bund und Ländern zum Bildungsgipfel empfangen.

Bewegung kommt in die Bildungsdebatte der neugeborenen Bildungsrepublik aus den Stadtstaaten Hamburg und Berlin. In Hamburg einigte sich die erste schwarz-grüne Landesregierung auf eine nie da gewesene Schulreform und will das gesamte Schulsystem umkrempeln.

Ab 2010 sollen alle Schüler bis Klasse sechs auf eine gemeinsame Schule gehen, dann können sie auf Stadtteilschulen einen Haupt- oder Realschulabschluss oder das Abitur nach 13 Jahren ablegen - oder aufs Gymnasium gehen und nach zwölf Jahren das Abitur machen.

Hamburgs grüne Bildungssenatorin Christa Goetsch war für letzten Sonntag angekündigt, als die Runde schon einmal zusammenkommen sollte. Doch da hatte die Bildung der SPD den Vortritt lassen müssen. Ersatz kam gestern aus Berlin, dem zweiten Versuchslabor der Bildungsrepublik: Goetschs Amtskollege Jürgen Zöllner (SPD) hat unlängst vorgeschlagen, Haupt- und Realschulen in zwei Jahren zusammenzulegen. Die sechsjährige Grundschule gibt es dort bereits.

Die verlängerte Grundschule und die Zusammenlegung der weiterführenden Schulen bei Erhalt des Gymnasiums – die Reformen in Hamburg und Berlin sind ein Kompromiss aus zwei Schulmodellen: Dem gemeinsamem Lernen und der Aufteilung in verschiedene Schulformen.

Mit zu Gast war ebenso Karen Medrow-Struß, Sprecherin der Hamburger Volksinitiative "Eine Schule für alle" wie Norbert Röttgen (CDU), Geschäftsführer der Bundestagsfraktion und wie Merkel ein Freund der eigenständigen Hauptschule. Die Mischung hätte für eine lebhafte Debatte sorgen können. Doch daraus wurde nichts.

Einzig die unterschiedlichen Positionen wurden einigermaßen deutlich: Röttgen lehnte eine Schule für alle ab ("Uniformität ist keine Lösung für individuelle Probleme."), warb für das Drei-Säulen-Modell ("Keine Uniformität bedeutet eine Vielfalt der Angebote.") und setzte Applausgaranten ("Wir brauchen eine Qualitätssteigerung."). Zöllner lehnte die Hauptschule ab ("Wo wollen sie integrieren, wenn sie abschotten?") und lobte die "optimale Förderung jedes Einzelnen" beim gemeinsamen Lernen.

Beide ließen jedoch belastbare Argumente vermissen, es blieb bei Willensbekundungen. Allein Medrow-Struß ging über die bloße Vorstellung ihres Schulmodells hinaus und wies darauf hin, "dass es auf Gymnasien Schüler gibt, die im Lesebereich Hauptschulniveau haben" und dass es Hauptschüler gebe, die in Mathematik auf Gymnasialniveau seien.

Doch Will griff das Argument nicht auf. Sie hatte sich an Zöllner festgebissen, der in Berlin neben der sechsjährigen Grundschule weiterhin zulässt, dass manche Schüler mit Einsen und Zweien schon nach Klasse vier auf ein Gymnasium wechseln. Zöllner konnte oder wollte sich nicht recht wehren gegen den Vorwurf, "Schlupflöcher für die Starken" zu lassen und stellte schlicht fest: "Ich muss einsehen, dass es Situationen gibt, in denen spezielle Angebote erforderlich sind."

Spezielle Angebote nimmt auch Röttgen wahr: Will fragte, warum er denn seinen Sohn auf eine Privatschule schicke. Das sei nicht rechtfertigungswürdig, war die Antwort.

Abschied der Oberschicht

Für mehr Kontroverse hätten zwei Lehrer sorgen können: Birgit Berendes, hochmotivierte Leiterin der Hauptschule Möhnesee, die im letzten Jahr den Titel "Beste Hauptschule Deutschlands" verliehen bekam, und der Hauptschullehrer und -kritiker Michael Strohschein. Doch kollegiale Diplomatie verwischte ihre gegensätzlichen Meinungen und verhinderte eine fruchtbare Diskussion: Man kenne die jeweils andere Schule nicht und wolle sich im Bereich der Pädagogik mit Vergleichen zurückhalten.

Die Lehrerecke erinnerte an eine viel kritisierte Eigenheit von Merkels Bildungsreise: Sie hatte bei Vorzeigeschulen Halt und um Problemschulen einen Bogen gemacht. Bei Will bot die beste Hauptschule Deutschlands, deren Migrantenanteil knapp 20 Prozentpunkte unter dem NRW-Schnitt liegt und in Möhnesee-Körbecke sicher nicht mit den sozialen Problemen großstädtischer Brennpunkte zu kämpfen hat, zwar ein aufmunterndes Beispiel. Doch mit einer nicht preisgekrönten Schule hätte sie für mehr Gesprächsstoff sorgen können.

So blieb die Frühförderung von Kindern mit wenig Deutschkenntnissen ebenso kaum erwähnt wie die Verbesserung der Bildungschancen in der Unterschicht.

Dass sich die Oberschicht allmählich aus der Bildungsrepublik verabschiedet, demonstrierte der wirtschaftliche Erfolg von Barbara Glasmacher. Seit 20 Jahren vermittelt sie deutsche Schüler auf englische Internate, doch eine so hohe Nachfrage wie derzeit habe es noch nie gegeben, sagt sie. Es seien "Hunderte mehr als noch vor fünf Jahren".

Über die Gründe ließe sich vortrefflich streiten, doch das muss wohl woanders geschehen. Denn Will hat zwar das Thema des kommenden Wahljahres getroffen, aber die Diskussion verpasst. Das konnte auch der Schauspieler Walter Sittler nicht verhindern. Er erntete mit der Forderung nach mehr Kultur und weniger Druck für Schüler bei allen Parteien Zustimmung und machte seine Einladung mit Gemeinplätzen ("Die Gesellschaft hat sich atomisiert, wir müssen die sozialen Kompetenzen stärken") größtenteils überflüssig.

Ganz zum Schluss hob er noch einmal an - aber Will war am Ende der Sendung. Sittler sagte etwas enttäuscht: "Aber wir sind noch gar nicht fertig!"

Und da hatte er Recht.

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