Schulbuchverlage: Eine Reform für Millionen - DER SPIEGEL
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Schulbuchverlage Eine Reform für Millionen

"Verbalartistik", "an den Haaren herbeigezogen", "populistisch": Die großen deutschen Schulbuchverlage kommentieren die Debatte über die Rechtschreibreform durchweg negativ. An eine Rückkehr zur alten Schreibweise glauben sie nicht, rechnen aber schon mal die möglichen Kosten vor.
Von Johannes Eberhorn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sollte wieder die alte Rechtschreibung in Kraft treten, rechnet der Dachverband der Schulbuchverlage, der VdS Bildungsmedien, mit Umstellungskosten in Höhe von 250 Millionen Euro. In Deutschland gibt es laut VdS-Sprecher Rino Mikulic etwa 46.000 Schulbuchtitel. Die 10.000 Deutsch- und Grundschultitel müssten bei einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung sofort überarbeitet und neu gedruckt werden. Hinzu käme außerdem die Vernichtung von Lagerbeständen - ein Ausfall, der allein bei Branchenführer Klett laut Geschäftsführer Johannes Leßmann bis zu 35 Millionen Euro ausmachen würde.

Der Journalist Wolf Schneider nannte die angeblichen Kosten von 250 Millionen Euro "eine reine Propagandazahl", Leßmann dagegen bezeichnet sie als absolut realistisch: "Aus den Fingern gesaugt haben wir uns das ganz sicher nicht. Wir haben das Theater ja schon mal 1997 mitgemacht." Damals rechnete der VdS Bildungsmedien mit Durchschnittskosten von 6000 Euro pro Titel. Wolf-Rüdiger Feldmann, Geschäftsführer beim Cornelsen-Verlag, hält die diskutierte Zahl sogar lediglich für eine "Minimalschätzung". Die Änderung beträfe schließlich nicht nur Schulbücher, sondern auch alle anderen Bildungsmedien wie etwa CD-Roms.

An den kompletten Salto rückwärts glaubt indes sowohl bei den Verlagen als auch beim Dachverband niemand. Für Cornelsen-Geschäftsführer Feldmann ist die Diskussion bloße "Verbalartistik". Die Entscheidung von SPIEGEL und Springer, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, hält er für kontraproduktiv: "Medien sollten die Rechtschreibung verwenden, die amtlich ist. Eine Rückkehr zur nicht-amtlichen Schreibweise ist auch unter demokratischen Gesichtspunkten problematisch." Auch sein Kollege Leßmann hält eine Wiederherstellung der Verhältnisse von vor 1997 für "völlig illusorisch", die Diskussion darüber nennt er "an den Haaren herbeigezogen".

Vor allem der Zeitpunkt der Diskussion stößt bei den Verlagen auf Unverständnis. "Die neue Rechtschreibung ist ja kein Ding, das vom Himmel gefallen ist", sagt etwa VdS-Sprecher Mikulic. "Es findet seit 1997 eine Evaluation statt, an der sich auch SPIEGEL und Springer hätten beteiligen können." Letztlich rechnen die Branchenführer und der VdS mit einem Kompromiss, der auf eben jener Evaluation basiert, da selbst Reformgegner Teile der neuen Rechtschreibung befürworten.

Die Einarbeitung kleiner Änderungen wäre sowohl bei Klett als auch bei Cornelsen kein größeres Problem. "Das war uns ja bereits zu Beginn des Reformprozesses bekannt", meint Feldmann. "Solche marginalen Veränderungen gehören zum Tagesgeschäft." Eine komplette Abkehr von der Reform wäre allerdings eine völlig andere Dimension. Grund zum Handeln sieht Feldmann derzeit aber noch nicht: "Wir sind Dienstleister der öffentlichen Hand und müssen uns danach richten, was erlassen wird." Einen Regressanspruch hätten die Verlage bei einem Kippen der Reform jedenfalls nicht. Den hatte das Bundesverfassungsgericht bereits 1998 mit Verweis auf das unternehmerische Risiko ausgeschlossen.