Schwarzer bei Maischberger Alice und der Orgasmuskönig
"Früher, härter, unromantischer - Sex ohne Liebe?" wollte Alice Schwarzer gestern Abend auf Sandra Maischbergers Stuhl von ihren Gästen wissen. Oder auch nicht: Es kamen fast ausschließlich Suggestivfragen aus dem Mund der "Emma"-Herausgeberin und Ur-Feministin, die sich mit ihrer unjournalistischen Themaannäherung ins moderatorische Aus katapultierte.
Es war ohnehin eine Runde der Extreme: Eine extrem naive, extrem junge Mutti, ein extrem dämlicher und auch noch recht erfolgloser Porno-Rapper, eine extrem zugeknöpfte Ex-Klosterschülerin (Gaby Dohm), ein traumatisiertes Massenvergewaltigungsopfer und zwei ältere Herrschaften mit den besten Jugendschutzabsichten.
Die Tatsache, dass Pornokonsumenten immer jünger, die Pornoinhalte immer härter und die Zugangsmöglichkeiten zum Sexstoff immer einfacher werden, ist auf jeden Fall und dringend mehr als eine Diskussion wert. Nur kann Frau Schwarzer leider nicht diskutieren. Sie kann nur lächelnd in den Mund legen, wenn sie etwa die junge Mutti fragt, ob sie sich weiland beim ersten Mal nicht nur dem Willen ihres damaligen Freundes gebeugt habe und auf die Antwort - "nein, ich war verliebt" - nicht eingeht.
Sie kann nur voreingenommen implizieren, wenn sie danach in die Frage an die ebenfalls in der Runde sitzende Mutter jener "Teenmom" im Nebensatz ein "ihre sehr schlanke Tochter, schlanker kann man kaum sein" einflicht. Sie kann nicht zuhören, sie kann nicht bloßstellen, noch nicht mal den schlichten Rapper King Orgasmus One, dessen Versuch, seine provokanten, übertriebenen "Ich bin der Größte und besorg's dir, du Hure"-Texte mit Freiheit der Kunst und Ironie zu erklären, so kläglich scheitert, dass es durchaus etwas Amüsantes hat.
Alte Thesen, neu untermauert
Schwarzer lässt danach lieber eine 18-Jährige von einem brutalen Sexualverbrechen erzählen und untermauert damit flugs ihre 30 Jahre alte, durchaus fragwürdige "PorNo"-These vom Zusammenhang zwischen Pornokonsum und sexueller Gewalt. Und dann spricht sie nassforsch für alle Frauen, indem sie sämtlichen von der Pornoindustrie lebenden Arbeitnehmerinnen die Freiwilligkeit und die Lust an der Sache sowie sämtlichen durchaus vorhandenen Porno-Konsumentinnen die Existenz abspricht. Stattdessen wird die Branche komplett zum mädchenhandelnden, ultrabrutalen Gesellschaftszerstörer deklariert.
Die Entwicklung, wie der eingeladene Sexualforscher und eine Jugendberaterin bestätigten, tendiert tatsächlich zu einem immer früheren Beginn der sexuellen Aktivitäten, auch wenn Statistiken belegen, dass die tatsächlichen Sexerfahrungen der Teens weit unter den geschätzen liegen. Wie auch immmer: Über Alice Schwarzers Auseinandersetzung mit diesen alarmierenden Tendenzen wehte gestern Abend eine muffige, Dr.-Sommer-artige Jammernote von "dieser Jugend mit ihrer Teufelsrapmusik".
Statt Annäherung zu schaffen, verhärtete sie nur die Fronten. Zwischen den unbeschwerten King-Orgasmus-One-Hörern und Handy-Pornoclip-Filmern auf der einen - und den Opfern und besorgten Helfern auf der anderen Seite. Man hätte ja auch einen anderen, eloquenteren Rapper zu Wort kommen lassen können. Damit hätte man sich Glaubwürdigkeit bei der Zielgruppe und dringend nötiges Verständnis bei der älteren Generation verschafft. Wobei man die Auswahl der Gäste natürlich nicht der Moderatorin, sondern der Maischberger-Redaktion anlasten muss.
Gaby Dohm, die eher als Werbeblume für eine demnächst ausgestrahlte ARD-Produktion eingeladen war, und nicht wegen ihrer Vergangenheit als Klosterschülerin, glänzte übrigens noch mit der bemerkenswert stupiden Ansicht, dass sie Sex über 60 eigentlich gar nicht mehr im Fernsehen sehen wolle, denn schließlich habe alles seine Zeit, und in diesem sozusagen methusalemschen Alter sei man an anderen Dingen interessiert.
Dabei hätte sich die ehemalige "Schwarzwaldklinik"-Mimin nur vorher den ersten Teil der Talkshow "Kratzbürsten" im WDR (22 Uhr) anschauen müssen. Da redeten acht Frauen zwischen 44 und 75 lustig und oberflächlich über Sex, Liebe, Männer, Frauen und Diäten. Und wer immer schon mal wissen wollte, ob Ingrid van Bergen und Erika Berger für oder gegen Liften sind, wie Katja Ebstein jetzt aussieht, ob Jutta Speidels Mann Holz hacken kann und welche Kleidergröße Renate Schmidt hat, der konnte sich das flockige Unterhaltungsprogramm auf Bunte-Niveau kichernd anschauen.
Mehr als ein nettes Geplänkel mit dem Tenor "je oller je doller" war die O-Ton-Collage allerdings nicht. Aber immerhin wurde bestätigt, was Gaby Dohm nicht glaubt: Dass es durchaus ein substanzielles Interesse an Sex jenseits der 40 gibt. Wer hätte das gedacht?