"Sex & Business" Input für Lustmolche
"Wenn heute zwei Menschen am Arbeitsplatz Zuneigung füreinander empfinden, können sie diese als Energie unterschiedlich einsetzen", schreibt Hite in ihrem neuen Buch "Sex & Business". "Sie müssen nicht meinen, der einzige Weg, sich nahe zu sein, sei der, einander in die Arme zu fallen."
Eine kurze Geschichte unter der Rubrik "Lieben und Leben" in der "Cosmopolitan" oder einer anderen Frauenzeitschrift hätte wohl gereicht, um diese Erkenntnis zu Papier zu bringen. Hite braucht rund 270 Seiten dafür - und liefert als Bonus "aktualisierende Software-Befehle" für alte Lustmolche mit, die ihr Denken umprogrammieren möchten. Wer immer schon wissen wollte, dass Lächeln ein Gespräch entspannt, kann hier noch etwas lernen.
Wie die Theoretikerinnen der Geschlechterdifferenz fasst Hite Sexualität nicht als biologisch gegeben, sondern als sozial konstruiert auf. "Die heutige Arbeitswelt bietet eine großartige Gelegenheit, alte Beziehungsmuster zu durchbrechen und neue zu gestalten - folglich auch eine neue Art von Gesellschaft", schreibt die durch ihre "Hite-Reports" bekannte Sexualforscherin. Ihr Utopieentwurf beschränkt sich freilich darauf, dass Männer und Frauen im Zweifelsfall besser ein freundschaftliches Team bilden sollten, als miteinander zu schlafen. Das hat sich mancher am Morgen danach vermutlich auch schon gedacht.
Immerhin plädiert Hite gegen jeden Versuch, Erotik im Büro vollkommen zu unterbinden. Wenn bald die Hälfte aller Großstädter als Single lebten, sei dies vollkommen unrealistisch. Frauen sollten sich nicht in Business-Anzügen verstecken und Männer ruhig mal eine Kollegin zum Essen einladen. Nicht jeder Flirt sei sexuelle Belästigung - nur wenn die berufliche Position des anderen davon betroffen sei.
Für ihre Thesen kann sich die 57-jährige Autorin auf ihre berühmten "Hite-Reports" über Sexualität bei Frauen und Männern stützen. Die damals emanzipierten Analysen zogen in den Siebzigern und Achtzigern den Zorn der konservativen amerikanischen Familienschützer auf sich. "Sex & Business" aber enthält nichts, was Karrierefrauen nicht längst schon wissen.
Aufgefüllt ist das Buch mit den wegen ihrer Undurchsichtigkeit auch von Soziologen angegriffenen Fragebogen-Erhebungen - endlose anonyme Zitate, in denen Männer und Frauen recht privat über ihre Erfahrungen plaudern. Hite überlässt es den Lesern, wie repräsentativ die in Belegschafts-Befragungen bei zehn anonymen Unternehmen gewonnenen Statistiken sein können.
Auch die Interviews mit Top-Managern wie Juan Villalonga von der spanischen Telefónica und dem New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani haben wenig Neuigkeitswert. Natürlich opponiert niemand öffentlich gegen den Aufstieg von Frauen, weil er um die sexuelle Moral im Büro fürchtet. Nur der langjährige Bertelsmanns-Vorstand Mark Wössner wagte sich weiter vor: "Frauen haben ein Recht auf Bildung und auf die freie Entscheidung, wen sie heiraten wollen", gab er zu Protokoll, "aber dann sollen sie wieder zu ihrer Rolle in der Familie zurückkehren und zusätzlich zu ihrer Arbeit eine Familie gründen."
Shere Hite: "Sex & Business. Männer und Frauen bei der Arbeit." Financial Times Prentice Hall Verlag 2000, 320 Seiten, 47 Mark.