Sibylle Berg: Hoffnung ist der Alkohol der Unwissenden - DER SPIEGEL
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Sibylle Berg

meinung •S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Hoffnung ist der Alkohol der Unwissenden

Die Angst geht um: Freunde sprechen über Klimawandel und Bürgerkriege - und horten Notvorräte. Obwohl es ihnen nicht schlecht geht. Leiden sie vielleicht nur unter dem Verschwinden der Hoffnung selbst?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich habe keine Ahnung, hier gebe ich dem geneigten Leser Zeit zum Nicken, und dann geht der Satz schon weiter: ob die Weltuntergangsgespräche, die sich in letzter Zeit immer öfter aus einfachen Fragen wie: "Na, wie läuft's ..." ergeben, von einer neuen Dimension der Angst zeugen. Oder ob es dieses Schwarzsehen schon immer gab. In der Zeit des Kalten Krieges zum Beispiel. Beim Wiederauftauchen der Pest, bei der Schweinegrippe.

Schwer zu wissen, ob sich die Bedrohlichkeit der allgemeinen Lage nur aus der selektiven Wahrnehmung speist, die mit übermäßigem Medienkonsum einhergeht. Und dann das Netz als Katalysator von Panik und Verschwörungstheorien, Sie wissen schon. Vielleicht wäre die gefühlte Sicherheit größer, wenn sich große Teile der Bevölkerung nur an der Lektüre von "Mein süßer Garten", "Hund und Herr" oder "Der Greif, das unbekannte Wesen" erfreuen würden. Tun sie nicht. Sie sehen fern, lesen Zeitung, sie reden. Mit mir.

Die Gespräche zeichnen das Untergansszenario so: Klimawandel, Dürre in weiten Teilen der Welt, zu viele Menschen, deshalb Verteilungskämpfe, Panik, Bürgerkriege, Völkerwanderung. Dann: ein mit Menschen aus Völkerwanderungen überflutetes Europa, ein auch mit Wasser überflutetes Europa, Untergang von Europa, Freihandelsabkommen, Gift im Essen, Regierung nur Handlanger der Wirtschaft, Bürgerkriege. Am Ende so was wie Salafisten gegen Hooligans. Nur größer.

Eine kollektive Verwirrtheit im Moment

Bekannte planen, Bunker mit Nahrung zu bestücken.

Bunker. Please.

Obwohl. Man weiß es eben nicht. Vielleicht sitzen dann ein paar Leute in Bunkern und reiben sich die Hände, denn irgendwann muss dieser Weltuntergang mal passieren, auf den alle so ernsthaft hinarbeiten. Nicht mit einem Knall, wie in Roland-Emmerich-Filmen. Sondern so allmählich, dass man sich an die immer neuen Stufen des Elends gewöhnen kann.

Wenn ich, verunsichert durch die Gespräche, die Wände meines Kellers abtaste, denke ich: Vielleicht ist es nur eine kollektive Verwirrtheit im Moment. Denn das, was meinen Bekannten Angst macht, sind bis jetzt theoretische Bedrohungen. Ich kenne keinen, der Opfer eines Terrorakts wurde und keinen, dessen Besitz durch den Klimawandel verschwand.

Das, worunter die meisten aus meinem Umfeld aber leiden, ist das Verschwinden der Hoffnung. Das Verschwinden der Hoffnung darauf, dass alles wieder besser wird. Besser in dem Sinne, dass es eine prächtige Regierung gibt, die aus wunderbaren Experten besteht, aus blitzgescheiten und wieselflinken Superhirnen, unbestechlichen, machtresistenten Wissenschaftlerinnen, die ihre Aufgabe, Angestellte des Volkes zu sein, ernst nehmen. Besser in dem Sinne, dass man anderen Menschen wieder vertrauen kann. Besser in dem Sinne, dass der Mensch sich weiterentwickelt. Zu etwas Freundlichem.

Aber Hoffnung ist der Alkohol der Unwissenden. Vielleicht wird nicht alles schlechter. All die Gespräche umsonst, die umgebauten Keller, die gehorteten Haferflocken, die Angst. Die eventuell nur die Angst vor dem eigenen Verschwinden ist?

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Foto: SPIEGEL ONLINE