Sibylle Berg über das Sterben - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Strampeln gegen das Sterben

Wir wollen nicht sterben - schon gar nicht in Würde. Wir krallen uns an das Dasein, weil wir wissen, dass danach nichts kommt. Leben und Tod sind wie eine schlechte Internetverbindung: Wer abtritt, reißt ein Loch in die Realität.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wir wollen nicht sterben. Ist das denn zu viel verlangt? Eine kleine Unsterblichkeit, das kann doch nicht so schwer sein. Wir waren kaum da, sind durch die Kindheit geschlurft, die viel zu lang war, waren jugendlich, bis es zu spät schien, aus der Nummer noch mit Anstand herauszukommen.

Und dann stehen auch schon Kinder vor uns im Bus auf - wenn sie denn aufstehen. Wollen Sie sitzen, fragen sie. Und dann mal nicht unwirsch reagieren, nicht so reagieren wie manche Rentner, wenn man ihnen über die Straße helfen will. Wir wollen, dass alles so bleibt, wie wir es verstanden haben. Wir wollen keine Veränderung, wir müssen uns zwingen, gut zu finden, was um uns herum passiert. Zu schnell, zu ungewohnt, der Verkehr, die Filme, das Netz, die Mode, die Musik, die Politiker, die auf einmal jünger aussehen als wir. Das müssen wir lächelnd gut finden, um nicht zu den Erstarrten zu zählen.

Aber mal unter uns: Wir wollen keine neuen Städte und Netzwerke und Gesetze und Krisen, wir wollen unsere Erinnerung mit uns nehmen, an der Hand, wenn wir spazieren gehen in der Ewigkeit. Wir wollen uns nicht sagen müssen, dass alles, an das wir glaubten, mit uns von der Welt verschwinden wird. Dass die Welt mit uns verschwinden wird, steht nicht zu hoffen, sonst wäre sie weg.

In jeder Sekunde würde die Welt verschwinden wie eine schlechte Internetverbindung, würden ständig Löcher entstehen in der Realität, wenn einer sie verlässt. Also wird die Welt nicht verschwinden, nur wir und alles, was uns so maßlos geärgert hat. All die Jahre bei Therapeuten, um am Ende mit einer vollendeten Psyche abzutreten, unter der Erde zu verschwinden, das ist doch nicht auszuhalten. Die verschwendete Zeit in schlechter Laune verbracht, mit Zweifeln und Angst.

Was würden wir gerne noch anstellen mit all den Jahren, die wir verplempert haben. Weil wir an unseren Karrieren arbeiten mussten, um dem Verbraucher zu gefallen, dem Chef, um der Bank ein gutes Gefühl zu geben. Die Wohnung haben wir eingerichtet und an den Beziehungen gearbeitet, all die Liebesgeschichten mit Menschen, an die wir uns nicht mehr erinnern. Was könnten wir mit den Jahren anfangen, die wir streitend im Regen verbrachten, mit Leuten, deren Gesicht wir vergessen haben.

Wir wollen nicht sterben, schon gar nicht in Würde. Das Altern ist doch egal. Warum faseln alle vom Altern, das tut man von der ersten Sekunde an auf der Welt. Die Zellen wachsen, erneuern sich. Dann hängt die Haut. Das ist doch egal - aber diese Kränkung, dass alles weitergehen wird, ohne uns.

Die Jahreszeiten, die Dummheit, deren Teil wir waren für so eine alberne Zeit. Würden wir begreifen, wie kurz sie ist, wären wir nicht gewachsen, hingefallen, hätten nicht Krankheiten überstanden und Trauer. Was haben wir alles ausgehalten, weil wir hofften, dass alles irgendwann besser würde und wir hinter ein großes Geheimnis kämen.

Und dann kommen wir dahinter und es ist nur ein kleiner, lächerlicher Satz: Wir wollen nicht sterben.