S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Kommt mal raus aus dem Bällebad
Piraten-Parteitag: Die jungen Menschen sind verwirrt
Foto: Marcus Brandt/ picture alliance / dpaWie jetzt, Sie verstehen die jungen Leute nicht? Ihre Kinder zum Beispiel. Sie finden die gar nicht mehr so jung, um so zu tun, als seien sie jung, die jungen Leute? Ja, aber was verstehen Sie denn genau nicht? Die Sache mit dem Bällebad und den "Sendung mit der Maus"-Mäusen, mit den Plüschoveralls, die Games verstehen Sie nicht?
Also, es ist doch so, Moment, ich habe gerade eine Unterbrechung meiner stringenten Gedanken: "Leistung lohnt sich wieder". Steht mit Neonfarben in meinem Kopf.
Keine Ahnung, wer mir diesen Satz in mein Langzeitgedächtnis gehakt hat. Die Suchmaschine findet ungefähr 7.060.000 Ergebnisse zu der großen Beschwörungsformel. Genauso dämlich wie das "Alles wird gut" einer Moderatorin, deren Namen ich vergessen habe.
Vor der Tür tobt der Irrsinn
Nichts wird gut, nichts lohnt sich, wir wissen es besser. Es geht uns nicht schlecht, aber auch nicht besser, wenn wir bis zur Selbstverschleuderung Leistungen erbringen. Wem? Wozu?
Draußen vor der Tür tobt der Irrsinn. Kommen die IS-Männer wirklich mit Schleppern und Schiffen aus Libyen nach Italien ? Und was machen sie dann da, in dem Europa, also hier? Ihre Buddys anrufen?
Diese gelangweilten jungen Männer ohne besondere Eigenschaften, die endlich mal der Welt auf die Fresse hauen wollen? Und so lange, bis der IS also ankommt, können sie den Juden auf die Fresse hauen? Oder allen Blonden. Allen Russen, allen Kopten, Christen, Rothaarigen. Leute von hier hauen Leuten von hier den Kopf ein.
Terror überall auf der Welt
Die jungen Menschen sind verwirrt. Sie verstehen nicht, was in der Ukraine los ist, bringen die Namen all der Plätze durcheinander, die Symbole für unterschiedliche gescheiterte Revolutionen sind. Wie wir fast alle. Leistung lohnt sich nicht mehr, reich werden die mit dem Erbe. Die zehn Prozent. Und der Rest kommt so durch.
Es geht den meisten nicht schlecht, es ist eigentlich alles wie immer, man geht aus, man geht essen, Freunde haben Geburtstag, man selber hat Geburtstag, ver- und entlieben, gutes Wetter. Aber irgendwie ist ein Surren da draußen, wie ein Tinnitus.
Terror überall auf der Welt, der uns noch nicht betrifft. Aber was wenn. Wenn die Einschläge näherkommen, jeden Tag ein Attentat, jeden Tag Blaulicht, Explosionen, Straßenkontrollen, Krieg vor Aldi Süd.
Erwachsen werden
Was, wenn es eben aus Versehen nicht besser wird, sondern schlechter. Die Alten haben Angst, sie wissen, was sie verlieren können, die Jungen haben keine Lust.
Darum wollen weniger Menschen erwachsen werden als früher. Darum spielen sie Spiele, tragen Plüschoveralls und versinken in der Welt der Games, die man kontrollieren kann, aus denen sie ab und zu auftauchen und denken, man sollte was machen, was unternehmen. Dann unternehmen sie eine Online-Petition. Irgendwas mit Internet, da kennen sie sich aus.
Erwachsenwerden heißt doch: Das ist real da draußen, das ist wirklich die Welt, auf der sie jetzt leben sollen, Erwachsenwerden heißt doch, das ist mein Leben, ein anderes gibt es nicht, und es wird jetzt stattfinden, in dieser beschissenen Zeit voller Nazis, Antisemiten, Terroristen, in dieser Zeit, in der das Leben vermutlich immer anstrengend und unsicher war.
Bis auf die kleine Pause der Behaglichkeit, in den letzten 50 Jahren. Die Zeit, in der die Eltern aufwuchsen, die Eltern der Kinder, die jetzt nicht aus dem Bällebad auftauchen wollen.