S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Leidenschaft ist eine Geisteskrankheit
Die Liebe. Unter wenig anderen Begriffen versammeln sich so viele unterschiedliche Interpretationen. Die sitzen wie Pilze zusammen in Haufen und ducken sich unter die breite Krone des alles und nichts meinenden Wortes.
Um es ein wenig zu untersuchen, saß ich mit der deutschen Professorin Frau Vinken auf einem Podium. (Das sind diese Einrichtungen, die meinen: Wir bringen ein paar Leute zusammen, die nichts miteinander zu tun haben - im Zweifel ist immer Sloterdijk dabei -, und hoffen, dass sie kontrovers und launig über irgendein Thema streiten). Der Zuschauer kann im Anschluss nach Hause gehen, es wurde für ihn gedacht. Prima, muss man das nicht selber erledigen.
Meist sind Podiumsdiskussionen mit keiner Erkenntnis verbunden, denn die Diskutierenden sind wie alle Menschen: der festen Überzeugung, im Alleinbesitz der Wahrheit zu sein. Selbstgerechtigkeit ist das Ende der Entwicklung, dachte ich, als ich der Professorin lauschte, die sich komplett über meine These, dass Leidenschaft nichts mit Liebe gemein habe, erregte. Professuren sind auch seltsame Wissensbehauptungen, dachte ich, als ich mir den unerträglichen Kitsch dieser doch eigentlich Erwachsenen anhörte, die immer noch an die einzig wahre Romeo-und-Julia-Leidenschaftssache glaubte, obwohl sie doch darüber hinausgewachsen sein sollte.
Verdammt, sie verwechseln Sex mit Liebe
Eine Frau, die sicher in Begriffen wie "begehrenswert" und "sexy" dachte. Weil ich damals fassungslos geschwiegen habe, weil ich ständig nur dachte: Verdammt, sie verwechselt alles, Sex mit Liebe, Liebe mit Begierde, und sie hat doch eine Professur, sie ist verantwortlich für junge Leute, möchte ich mich wiederholen.
Leidenschaft ist eine Art Geisteskrankheit. Sie macht den Menschen unzurechnungsfähig, panisch, manisch-depressiv, obsessiv und handlungsunfähig. Liebe hat mit Leidenschaft in sexuell obsessiver Hinsicht so viel zu tun wie Wagner mit Antisemitismus.
Oh, falsches Beispiel. Das, was ich als Kitsch bezeichne, ist die alberne Verklärung ausgewachsener Menschen, mit der sie Biologismen betrachten und sich gleichzeitig nach ihrer Jugend zurücksehnen. Immer und immer wieder in dieselbe Falle tappend, Anziehung, Hormone, Rausch, Paarungsbereitschaft, Serotonin.
Das kann, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht, eine angenehme Zeit zweier Menschen sein, in der es einem wie sonst nur beim sogenannten Flow, ob durch Heroin oder talentiertes Arbeiten hergestellt, gelingt, seine Existenz, Raum und Zeit zu vergessen. Aber: Dieser Zustand endet, und das ist, was ältere Menschen wissen, die sich eben nicht mehr wegen einer unglücklichen Leidenschaft umbringen. Die töten sich eher, wenn die Liebe stirbt, der Mensch, den sie ertrugen, der sie ertragen hat in vielen Jahren.
Die Liebe ist das, was bleibt, möchte ich jungen unglücklichen, vor nicht erwiderter Leidenschaft ohnmächtigen Menschen zuraunen. Ein ungehörtes Raunen würde es sein, denn unendlich ist er, der junge Mensch, der sich auflösen will, explodieren, und das Schöne ist doch, dass es keine Grenzen gibt. Mit 20. Alles zum ersten Mal fühlen, und denken und glauben, keiner außer einem selber hätte je so stark gedacht und gefühlt. Das ist die Hoffnung auf die eigene Einzigartigkeit, darum halten wir durch und machen weiter.
Ich kann einen Menschen mit großer Leidenschaft lieben, die meint, ihn beschützen zu wollen, an seinem Leben teilhaben und für ihn da sein zu wollen, Angst zu haben, wenn er oder sie das Haus verlässt in all die Gefahren der Welt. Meine Leidenschaft meint nicht, sich mit Schokolade zu übergießen und abzulecken, die Haare auf den Armen zu beobachten und dabei zu vergehen.
Diese Leidenschaft ist wunderbar in Filmen, in Büchern, im Gedenken an die Niedlichkeit der Jugend, oder eben auf Opernbühnen, nahe beim Kitsch.