Sibylle Berg: Mainstream mit Mixgetränken
S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wo, verdammt noch mal, sind die Verrückten?
Deutschland sucht den Superstar, das deutsche Superhirn. Das Supertalent, das Supermodel. Stopp rufe ich, ihr habt alles in einer Person gefunden: in mir. Diese Einleitung steht in keinem Zusammenhang mit dem Folgetext.
Google Glass. Geile Sache? Keine Ahnung. Soll Lobo erklären. Ich halte mich an die Entwicklung von Minicomputern in Kontaktlinsenform. Ich hoffe, die geraten schon bald in unser aller Augen, dann muss man nicht mehr mit Computern in der Hand gegen Laternenpfosten rennen.
Welche Laternenpfosten eigentlich? Es gibt ja keine verdammten Laternen mehr - außer in Rothenburg ob der Tauber. Dort standen sie aber auch nur bis zu der Kannibalen-Geschichte an der Fulda, aus touristischen Gründen. Danach blieben die Touristen sicherheitshalber auch der Tauber fern, sie wollten 340 Tage im Jahr Weihnachtsartikel kaufen und nicht verzehrt werden.
Mit Kontaktlinsen ständig online zu sein, hätte den Vorteil, dass man die Welt nicht mehr sehen müsste. Sie empfehlen sich vornehmlich für ältere Bürger, also Menschen über 40, die mit der Veränderung ihrer direkten Umgebung Mühe haben und den Mist einfach nicht mehr sehen wollen.
Wobei mit dem Mist nicht die Neubauten gemeint sind, an die haben sich die Menschen gewöhnt. Ist doch in Ordnung, diese abspritzbaren Blöcke, in denen es nicht zieht und Dielen nicht knarren. Altbauten sind für Nostalgiefaschisten. Menschen, die sagen, sie könnten nur in Altbauten leben, posten auch Katzenfotos und ... ich versteige mich schon wieder in unhaltbare Vermutungen.
Krasser Scheiß, der Matisse
Das, was der Mensch über 40 nicht mehr erträgt, ist die Uniformität der Menschen, die jünger sind als er. Er ist nicht neidisch auf die strahlenden Gebisse, die gestählten Körper, die uniforme Kleidung. Er findet es nur unendlich langweilig, wie sich alle zu einer großen, gesunden, komplett steuerbaren Einheit haben formen lassen.
Die Dicken schwitzen im McFit, die Dünnen machen Zumba zum Muskelaufbau, der Rest rennt wie Hamster in Rädern, um endlich so auszusehen wie der Allianz-Mann früher. Unauffällig, sauber, gesund, gutriechend, enthaart, leistungsfähig.
Da soll mir doch ein Kannibale ran, denkt der Mensch über 40 und fragt sich, wo die Freaks geblieben sind. Wo, verdammt noch mal, sind die Verrückten? Die Selbstgehäkelten, die Gruftis, die Skins, die Punks, die Entrückten. Noch nicht einmal mehr schwarz gekleidete Ninjaschwertträger stehen in der Bahn herum, "666" murmelnd.
Nix mehr los. Gepflegte Menschen, die alle aussehen, als seien sie Mitte 30. Schon wenn sie 20 sind, sehen sie so aus. Wenn sie crazy sind, tragen sie Bärte und Hüte, alle. Und wenn sie kleine Arschgeigen sind, tragen sie teure Handtaschen und haben einen Messerformschnitt, der Rest verschwindet in der casual Mitte. Bermuda-Hosen und Polohemden.
Wer meint, dass Asiaten sich ähneln, gehe einfach mal zu Orten großer europäischer Menschenansammlungen. Fußballspiele, Demonstrationen, Sommerschlussverkäufe. Der Mainstream trinkt Mixgetränke oder Mate, redet über Projekte und dann gehen alle zum Sport und dann heim und da sitzen sie auf Ikea-Fellen und betrachten die Kunst, die sie bei Ikea gekauft haben. Krasser Scheiß, der Matisse, und schnell die Linsen ins Auge, nicht nachdenken.
Die Erkenntnis, dass wir alle nur ein Teil von Milliarden sind, ist weder originell noch erzählenswert. Es geht heute einzig um die Hoffnung auf den technischen Fortschritt, darauf, unentwegt online zu sein. Mit einem Augenaufschlag durch Straßen in Orten laufen, wo man die Sprache nicht versteht. Und zu vergessen.