S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Sie sind perfekt!
Ich bin die Stimme zwischen den Jahren. Die Kraulerin Ihres mit Gänsebraten vollgestopften Bauches. Ich bin die Botschafterin in der Dunkelheit der vollgefressenen Tage, die Schlichterin des Familienkollers, mein Indianer-Name ist: Die, die das Fenster aufreißt und den Baum auf die Straße wirft.
Während ich leise Lieder in Ihrer überheizten Bude singe, schauen Sie sich doch einmal um. War es das alles wert? Dieses gesamte Jahr, um damit wieder aufzuhören, wo sie letztes Jahr angefangen haben?
War es nicht genauso wie jetzt? In unentschlossenem Wetter, im Fernsehen nicht einmal: "Ist das Leben nicht schön", sondern: "Go Trabi go"? Und alle Serien sind zu Ende und neue gibt es noch nicht und draußen ist Matsch und die Familie war da. Mit Demut denkt der Mensch mit Familie an den Menschen ohne, der allein durch geschlossene Vorhänge schaut und die Uhr tickt nicht und die Zeit zwischen Weihnachten und dem 2. Januar ist immer unendlich.
Was soll ich meinem Partner sagen?
Vielleicht hat man einen Menschen geschenkt bekommen und überlegt, an welcher Tankstelle man ihn nach dem Fest aussetzt. Vielleicht schreibt man alberne Listen: Ich muss Sport machen, weniger essen, mehr laufen, mehr Erfolg haben, mehr nett sein, ich muss meinem Partner/meiner Partnerin öfter sagen, dass - und da fällt einem nicht ein, was man dem Partner sagen soll.
Dann kommt die Liste in den Müll, egal, Sie müssen nichts ändern, Sie sind perfekt.
Zwischen Weihnachten und dem Neujahr ist: nichts. Grauland, in dem viele noch einmal arbeiten müssen, noch nicht richtig in die Arbeit finden, sich fragen, was sie da eigentlich tun. Gut dem, der eine Arbeit hat, da muss man ja froh sein, ohne verwächst man mit dem Sofa und betrachtet die Wand und wie kommt man da raus? Wie kommt man raus aus einem Leben, das eine Abfolge von Demütigungen ist, und aus einer Gesellschaft, die einem täglich sagt: Och, eigentlich brauchen wir dich nicht, du bist nicht reich genug.
Da wird einem immer von den armen einfachen Menschen irgendwo in der Welt erzählt, die nichts haben und doch so wahnsinnig glücklich sind. Und dann fühlt man sich gleich noch mehr als Verlierer, weil man nicht mal glücklich sein kann, hier, wo man nicht verhungert. Aber eben auch nicht richtig satt wird. Wie leicht sich das sagt: Raff dich auf, fang noch einmal neu an. Wie denn, wenn man so müde ist, von all den Schlägen in die Kniekehlen? Vielleicht sind die Kinder da gewesen und nun wieder weg, und die Wohnung ist seltsam still, als ob Schnee in sie fiele.
Die Kinder kommen ja wieder, in einem Jahr sind sie wieder da, und solange wirst du, ja, was denn als Rentner? In der Küche sitzen und aus dem Wasserhahn tropft es. Vielleicht ist alles gut. Vielleicht ist da Liebe, ein Mensch, mit dem man gegen den Tod kämpft. Vielleicht ist es die perfekte Zeit, zwischen den Festen, ein bisschen Ruhe, im Matsch laufen.
Es ist nicht das Jahr, es ist das Leben. Es ist nicht zu Ende, es fängt jetzt an, wird alles wieder heller und wärmer. Sie müssen nichts ändern, Sie sind das Perfekteste, was eben gerade möglich ist. Es soll alles gut werden. Für uns alle. Das war das Wort zum Sonntag. Für dieses Jahr verabschiede ich mich, ich umarme Sie, auch wenn Sie sich wehren.