Sibylle Berg über Kritik? Meinung? Debatten? - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Macht's doch besser

Gibt es ein besseres Beispiel für das Vergeuden von Lebenszeit als Literaturdebatten? Liebe Kritiker, macht doch lieber was aus eurem eigenen Leben - und nicht das der anderen kaputt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hurra, eine Debatte, eine Debatte . Es ist ja bald Buchmesse. Da muss doch was gehen. Da muss man doch mal, endlich muss doch mal gesagt werden, was gesagt werden muss. Ja, was eigentlich? Ich habe es nicht geschafft. Ich bin verkannt. Vertrauen Sie mir, mit Neid kenne ich mich aus.

Wann immer ich zum Beispiel eine Architekturdebatte anzustoßen versuche, dann nur, weil ich mir alle Häuser, die ich gerne besäße (Für Gönner: Schindler, Lautner, ebenerdig), nicht leisten kann. Also kritisiere ich moderne Architektur. Die kann ich mir auch nicht leisten.

Ich kann mir ja nicht mal leisten, die Klappe zu halten. Also bringe ich uns alle wieder in den Genuss meines touretteähnlichen und dennoch liebenswerten Essays. Die Literaturdiskussion. Die man inhaltlich auch unpersönlicher abkürzen kann: Es gibt wenig außerordentliche Kunst auf der Welt. Und das ist schade. Oder auch: Wir reden über Literatur und nicht über Architektur oder Molekularbiologie. Ist einfacher. Ist schwammiger.

In einem der Artikel, die ich unlängst gelesen habe, vergessen welcher, wird ein drollig verstaubtes Künstlerbild propagiert: Kunst braucht Leiden. Ich möchte es noch kurz schlotternd vor Langeweile erwähnen, ehe wir uns dem eigentlichen Problem zuwenden: dem Vergeuden wertvoller Lebenszeit.

Meinung ist nur ein albernes Konstrukt

Sie könnten etwas töpfern, statt diesen Text hier zu lesen, oder endlich mal Ihren Schreibtisch aufräumen. Sie könnten sich überlegen, ob Sie so weiterleben wollen wie bisher. Statt in Zeitungen darüber zu diskutieren, warum alle anderen, außer man selber, keine Ahnung von Kunst und Literatur haben, könnte man versuchen, selber etwas Außerordentliches zu schaffen, um sich endlich ein architektonisches Meisterwerk leisten zu können, um darin seine Tantiemenausdrucke zu streicheln. Oder um darin die Revolution neu zu denken.

Ich bin eine entschiedene Freundin interessanter Diskussionen, die einem plötzlich neue Gedanken bescheren. Oder einem klar machen, dass jede Meinung nur ein albernes Konstrukt ist. Das Bashen von Künstlern ist so langweilig wie das Betrachten von Betonmischern.

Wenn es neben der Verschwendung von Lebenszeit um etwas gehen kann, dann um die ewige Frage: Warum behandelt man in Deutschland seine schlecht verdienenden Künstler so elend? Warum drischt man auf junge Schauspieler ein, auf junge Maler, Sängerinnen, Tänzerinnen. Warum ist es uns scheinbar nicht möglich, Dinge, selbst wenn sie uns nicht interessieren, wohlwollend zu betrachten?

Tolle neue Literatur wollen Sie sehen? Dann hätten Sie mal Helene Hegemann nicht geschlachtet, ohne ihr Buch zu lesen, Sie da! Großartige Filme wollt ihr? Dann zerreißt die erste Arbeit eines jungen Menschen nicht, sondern bestärkt ihn. Herausragendes wollt ihr? Dann schneidet nicht allem, was aus dem Feld der Mitte ragt, was komisch ist, unbekannt, nicht einzuordnen, das sich nicht geschickt vermarktet oder komisch aussieht, den Kopf ab. Hört auf, aus Angst zu loben, was alle loben, verteilt Gelder nicht an die ewig Gleichen, sondern seid mutig.

Macht etwas mit eurem Leben. Lobt und seid kreativ, wenn euch nicht passt, was es gibt. Dann macht es verdammt noch mal besser.