Sibylle Berg über Kulturpessimismus - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Macht mit, solange es noch geht!

Generelle Verblödung? Allgemeine Gentrifizierung? Untergang des Abendlands? Mag sein. Aber es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen: Kulturpessimismus ist keine Antwort auf die Veränderung der Welt, sondern das Jammern Sterbender.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Tisch ein älteres Paar, ganz in Ordnung wirkend, durch das Restaurant torkelt ein zerzaustes Kind hinter seinem Tablet-Computer her. Sie verblöden, sagt das ältere Paar und fährt fort mit dem Standardprogramm älterer Kulturpessimisten, das ich gut verstehe.

Man, was soll ich sagen, ich bin auch stinksauer, dass meine Lebenserwartung vermutlich nur bei hundert Jahren liegen wird, dass ich keine Stammzellen eingefroren habe und sterbe, wenn die nach mir satte 150 Jahre vor sich haben. Mit Ersatzteilen aus dem Transhumanismus-Pool und im Vollgenuss des Wissens aus dem Netz. Aber darum muss ich mich dennoch um Haltung bemühen, um die verbleibenden Jahre nicht keifend in einer Bitterkeit absitzen zu müssen.

Heulen wir, weil es Höhlenmalereien nicht mehr gibt?

Wir befinden uns im Weltumbruch Nummer zwei nach dem Maschinenzeitalter. Toll, erleben wir das. Ich glaube daran, dass die Menschen klüger werden dadurch und dass die Vorteile überwiegen. In einem langen Artikel beklagte sich David Byrne nachvollziehbar über die Veränderung seiner Stadt  (kleiner Themenwechsel, geht aber alles unter Kulturpessimismus). Kurz zusammenfassend: Kreative raus, Banker und Touristen rein. Leerstehende Wohnungen, Langeweile. Das habe ich in meinem jüngsten Buch schon als optimistische Vision für Paris entworfen, wozu erwähne ich das, außer aus angeberischen Gründen. Und was heißt es mehr, als dass die Welt, wie wir sie kennen, bald nicht mehr gefragt ist.

Wenn kein Mensch Theater und Künstler sowie gedruckte Zeitungen und Bücher benötigt, muss man nicht jammern, dann gibt es sie eben nicht mehr. Heulen wir, weil es Höhlenmalereien nicht mehr gibt? Vielleicht kommt etwas Neues, vielleicht auch nicht. Möglicherweise ist diese Mischung aus Mensch und Computer total liebenswürdig und von den schlechten menschlichen Eigenschaften befreit. Vielleicht wird es einige Kriege geben, arme Länder gegen reiche Länder, vermutlich wären die Städte für eine wie mich ein wenig öde in ihrer Poliertheit. Aber wer bin ich, das Fehlen von Dreckecken zu beanstanden?

All die Texte, in denen wir, Jahrgang vor 1990, das Verschwinden der kulturellen Werte beweinen, sind für die Toilette geschrieben. Oder noch nicht mal dafür, wir schreiben ja online. Es ist das Jammern Sterbender, die dummerweise zwischen zwei Zeiten leben.

Was gerade passiert, ist Evolution

Wir müssen uns nicht bekämpfen. Es gibt kein Besser-oder-schlechter, es gibt eine Entwicklung. Und die kann gut werden. Vielleicht formieren sich die Piraten neu und sind die erste Partei, die wirkliche Demokratie bewirken kann. Nachdem wir jetzt wieder vier Jahre von Menschen verwaltet werden, die den Bürger als Dummkopf behandeln.

Vielleicht leben wir länger, gesünder, klüger. Und wenn keiner mehr ins Theater gehen will, weil das zu Tode verwaltete Stätten geworden sind, die Künstler schlecht bezahlen und in denen Verwaltungsangestellte regieren, dann ist das so. Dann sehen wir uns eben freie Gruppen an oder Filme, was soll sein.

Was gerade passiert, ist Evolution, sage ich dem älteren Paar an meinem Tisch, das immer noch über die Verblödung der Jugend redet, man kann sie nicht aufhalten, ohne sich lächerlich und unglücklich zu machen. Lest euch in die Robotertechnologie ein, tretet den Piraten bei, die brauchen ein paar Erwachsene, macht mit, solange es noch geht. Und verdammt noch mal, hört auf, euch zu empören!

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Foto: SPIEGEL ONLINE