Siebenbürgen: Im Schatten des Vampirs - DER SPIEGEL
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Siebenbürgen Im Schatten des Vampirs

Während die rumänische Regierung munter ihre Planungen für den großen Graf-Dracula-Themenpark in transsylvanischen Sighisoara vorantreibt, regt sich Protest bei den Einheimischen. Die Kleinstadt-Bewohner befürchten eine Tourismus-Welle und wollen nicht mit dem berühmten Vampir identifiziert werden.
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Bukarest - Der blutsaugende Graf gibt keine Ruhe. Sein neuestes Opfer ist offenbar die mittelalterliche Stadt Sighisoara in seiner "Heimat" Transsylvanien, die er mit einer Lawine aus Kitsch und Kommerz zu überrollen droht. Dicht bei Sighisoara soll nämlich nach dem Willen des rumänischen Tourismusministers Dan Matei Agathon ein Dracula-Vergnügungspark entstehen. Eine "Horrorburg", ein Forschungszentrum für Vampirismus, Achterbahnen, Restaurants und Hotels sollen jährlich bis zu eine Million Touristen anlocken.

Eine wahre Horrorvision für die Siebenbürger Sachsen, deren Vorfahren die beschauliche Stadt vor Jahrhunderten errichteten und Schäßburg nannten. In der engen, verwinkelten Altstadt, die seit zwei Jahren offiziell zum Weltkulturerbe der Unesco gehört, verändern schon ein paar hundert Touristen pro Tag die Atmosphäre. Sorgen bereitet zudem, dass der 60 Hektar große Vampirpark auf einem unter Naturschutz stehenden Hochplateau entstehen soll, das zwei Kilometer Luftlinie von Schäßburg entfernt liegt - bisher ein beliebtes Ausflugsziel.

"Schäßburg an sich ist ein Schmuckstück. Wir brauchen hier einen gemäßigten Kulturtourismus. Wozu haben wir die Identifizierung mit Dracula nötig?", ereifert sich der Schäßburger Bildhauer Helmut Fabini, einer der verbliebenen 500 Sachsen in der Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern. "Das ist doch sowieso eine historische Lüge."

Mit der Geschichte der rumänischen Region Siebenbürgen, die auch Transsylvanien genannt wird, hat der Blutsauger aus Bram Stokers Roman in der Tat kaum etwas zu tun. Stoker lieh den Namen für seine Horrorgestalt vom rumänischen Fürsten Vlad Dracul und einige Züge von dessen Sohn Vlad Tepes, der seine Feinde grausam gepfählt hat. Die Sage geht, dass Tepes in Schäßburg geboren sein soll. Ein Gebäude in der Altstadt wird den Touristen als Dracula-Haus präsentiert, obwohl es 1431, im Geburtsjahr des Fürsten, noch gar nicht existiert hat.

Dichtung hin, Wahrheit her - Tourismusminister Agathon ist von seinem, wie er sagt, "weltweit größten Tourismusprojekt am Anfang dieses Jahrtausends" begeistert. "Wir wollen dem Grafen Arbeit geben und dies werden wir in unserem Vergnügungspark bis zum Überdruss tun", sagte er vor kurzem bei einem Treffen mit Vertretern der Siebenbürger Sachsen. "Warum sollen immer nur andere vom Dracula-Mythos profitieren?"

Immerhin soll der Park 3000 Menschen in der Region Arbeit geben. 51 Prozent der erwarteten Jahreseinnahmen von 27 Millionen Dollar (60,1 Millionen Mark/30,7 Millionen Euro) sollen in die Stadtkasse fließen und für die dringende Renovierung der vielfach vom Einsturz bedrohten alten Gemäuer verwendet werden. Außerdem ist der Park Teil eines Infrastruktur-Entwicklungsplans für die Region, der von beiden Kammern des Parlaments in Bukarest gebilligt wurde. Finanziert werden sollen die Baukosten in Höhe von 31,5 Millionen Dollar über Kredite und Staatsobligationen, mit der Ausführung wurden deutsche und amerikanische Firmen betraut.

Protest beginnt sich erst jetzt unter den etwa 400 Schäßburgern zu regen, die in Deutschland leben. Sie haben eine Unterschriftensammlung gegen den Dracula-Park initiiert. Ihre Landsleute in der alten Heimat hingegen haben offenbar resigniert. Nachdem der evangelische Stadtpfarrer Bruno Fröhlich ohne Erfolg gegen den befürchteten Seelen verderbenden Vampirismus protestiert hat, scheinen auch die politischen Vertreter der Sachsen klein beigeben zu wollen: Heinz Wolf, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Forums vor Ort, hat zwar seine Zweifel, "ob das alles so stimmen wird" mit dem erwarteten Profit. Aber, so meint der 66-Jährige: "Man kann nicht gegen den Wind blasen."