Siegeszug des indischen Kinos: Bollywood boomt! - DER SPIEGEL
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Siegeszug des indischen Kinos Bollywood boomt!

Das neue Lloyd-Webber-Musical "Bombay Dreams", Ausstellungen in London und Zürich, Erfolge bei Filmfestivals - die im Westen lange ignorierte und unter "Bollywood" subsummierte indische Filmindustrie hat den Ausbruch aus dem Dritte-Welt-Ghetto längst geschafft.
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Es ist eine Orgie aus Farben und Musik, die Abend für Abend mehr als 2000 Menschen in das Apollo Victoria Theater im Londoner Westend lockt. "Bombay Dreams" heißt der opulente Reigen aus sentimentalen und schwungvollen Songs, teils witzigen, teils banalen Dialogen und - schließlich ist es ein Musical - einer Liebesgeschichte mit Happy End.

Die Story mit ihren zynischen Gangstern, liebenswürdigen Slumbewohnern und eitlen Filmstars ist in der indischen Filmmetropole Bombay angesiedelt. Die Musik schrieb A. R. Rahman, der auch "Mozart von Madras" genannte, erfolgreichste Filmmusikkomponist Indiens. Produziert hat das Spektakel der Londoner Musical-Papst Lord Andrew Lloyd Webber.

"Das Genre, das ich so liebe", sagt Lloyd Webber, "braucht dringend neues Blut." Dass dies für ihn aus Indien kommt, ist keineswegs Zufall. Lange hat der Westen die mit rund 800 Produktionen pro Jahr (Hollywood kommt nur auf 600) größte Filmindustrie der Welt ignoriert, deren Produkte schon lange zahlreiche Fans in ganz Asien und Afrika gefunden haben. In diesem Sommer jedoch sorgt nicht nur Andrew Lloyd Webber dafür, dass Bollywood auch für westeuropäische und nordamerikanische Kulturkonsumenten zu einem Begriff wird.

Im Londoner Victoria & Albert Museum hat gerade eine Ausstellung von Bollywood-Filmplakaten eröffnet. In expressiven Farben dräuen auf ihnen Bösewichter mit dicken Schnurrbärten und Heldinnen mit liebesverklärtem Blick. Gleichzeitig demonstrieren die grellen Plakate, wie sich beständig auch politische Enflüsse und sozialkritische Ansätze in den populären Filmen widerspiegeln.

Ebenfalls in London, wo Chicken Tikka Massala die notorischen Fish and Chips längst als Nationalgericht abgelöst hat, verwandelte der bekannteste Bollywood-Ausstatter Nitin Desai das Luxuskaufhaus Selfridges in einen üppigen Film-Set à la Bombay. Der Selfridges-Direktor charakterisierte den Ansatz - wegen seiner knalligen Farben und dem kühnen Stil-Mix - als "maximalistisch".

Im Zürcher Museum für Gestaltung ist noch bis Anfang September die Ausstellung "Bollywood. Das indische Kino und die Schweiz" zu sehen. Seit nämlich Kaschmir als Drehort zu gefährlich wurde, drehen indische Regisseure für rund 50 Filme im Jahr die melodischen Liebesschwüre ihrer Stars vor schneebedeckten Alpen-Gipfeln ab. Dies lockt wiederum jährlich Zehntausende Inder in die Schweiz, die dort die Locations ihrer Lieblingsfilme persönlich in Augenschein nehmen. Auch Schottland mit seinen alten Schlössern ist ein beliebter Drehort für die Bombayer Filmindustrie geworden. Bollywood goes West.

Jedem Kenner des indischen Kinos stehen allerdings die Haare zu Berge, wenn sämtliche irgendwie indischen Filme unter dem Stichwort Bollywood subsummiert werden. So hat etwa die US-Filmemacherin Mira Nair, die mit "Salaam Bombay" 1989 die Goldene Kamera bei den Filmfestspielen von Cannes und im vergangenen Jahr mit "Monsoon Wedding" den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig gewann, wenig mit ihren Kollegen aus Bombay und deren Kommerz-Produkten gemein. Auch oscarnominierte indische Film "Lagaan" ist deutlich amerikanisiert.

Die klassischen Bollywood-Movies, das sind Unterhaltungsfilme mit simplen Skripten und vielen Songs, die nie ohne dramatische Romanze und sinistre Bösewichter auskommen. Sie schöpfen aus der indischen Mythologie und Volkskultur, integrieren aber auch westliche Dramaturgie und versprühen mit ihren "Sng & Dnce"-Szenen eine elektrisierende Vitalität.

Auf ein westliches Publikum wirken sie naturgemäß exotisch, was den Bollywood-Boom in die Tradition des europäischen Orientalismus einreiht. Als "Alternative zum weitgehend infantilisierten Hollywood-Kino" begreift die deutsche Bollywood-Expertin Dorothee Wenner die Filme aus Bombay. Sie hat dafür gesorgt, dass beim Forum des jungen Films der Berlinale seit vier Jahren regelmäßg Bollywood-Filme zu sehen sind.

Faszinierend ist auch ihre trashige Opulenz, die sie oft als puren Pop ausweisen. Mit ihrer Ignoranz gegenüber dramaturgischer Logik haben sie zudem auch etwas Postmodernes. "Amerikanische Filme machen Sinn", befand einmal eine berühmte Bollywood-Schauspielerin, "indische nicht."

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