Silke Burmester - DER SPIEGEL
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S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Briten eröffnen den Marmeladenkrieg

Da meint man, mit den Briten könne man sich endlich vertragen, und dann das: Eine einzige Zeitungsseite reicht, um alte Gräben wieder aufzureißen. Völkerverständigung ist ja schön und gut. Aber bei Jam vs. Marmelade hört der Spaß auf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Briten!

Toll! Super hinbekommen! Gaaanz, gaaanz toll habt Ihr das gemacht. Ich bin flabbergasted!

Da profitiert man seit Jahrzehnten von der Gnade der späten Geburt, pflegt seit der Jugend die Völkerverständigung, lässt sich auf zu blasse Männer mit rot schimmerndem Brusthaar ein, fährt nach Cornwall, spielt dort Rosamunde-Pilcher-Szenen nach, bestellt biedere Blusen bei Johnny Boden und ignoriert die unablässigen Versuche der britischen Presse, Fußballberichterstattung und Zweiten Weltkrieg zu vermischen - und dann das!

In nur wenigen Minuten Zeitungslektüre sind alle Versuche, mit Euch auf Du und Du zu kommen, zunichte gemacht. Eine einzige Seite in der "Mail on Sunday", und die Schwelle ist überschritten.

"Wie Babybrei" sei deutsche Marmelade, schreibt das Blatt, "man muss sie gießen". Deutsche Marmelade, so der "Jam Expert", also der "Marmeladenexperte" Brian Kinsella, sei für die britischen Ansprüche an Jam "nicht gut genug". Nicht auszudenken, was passiert, wenn britischer Aufstrich mit ebenso wenig Zucker zubereitet werden sollte.

Denn darum geht es: Auch Fruchtaufstriche, die weniger als 60 Prozent Zucker enthalten, sollen im Königreich als "Jam" gelten dürfen. Bislang ein No-Go. Und damit das so bleibt, ruft die "Mail on Sunday" zur Hetzjagd, indem sie das Feindbild am Marmeladenhimmel skizziert: "glibberige", "schlabberige" "Pampe" aus Deutschland. Früchte "zu Fetzen zerquetscht", "ohne Aromen", "grau in der Farbe" und so bitter, dass dem Fünf-Sterne-Schleckermäulchen Kinsella beim Probieren die Gesichtszüge in alle Richtungen entgleiten.

Menschen, die lauwarme Plörre als Bier ausgeben

Nicht, dass nicht auch in Ländern wie Frankreich und Dänemark Fruchtaufstriche mit weniger als 60 Prozent Zucker auf dem Markt sind. Nein, kein Land führen die Briten mit einer solchen Liebe vor wie Deutschland. Selten ist so ein Genuss am Gemetzel spürbar, wie wenn es um die Niedermachung von uns Krauts geht.

Wohlgemerkt metzeln hier Menschen, die nicht in der Lage sind, das warme und das kalte Wasser aus einem Hahn fließen zu lassen, und stattdessen zwei Hähne möglichst weit voneinander entfernt am Waschbecken installieren, auf dass man sich die Hände entweder verbrenne oder verkühle. Und die Fenster haben, die sich mit Ach und Krach nach oben schieben lassen, anstatt dass sie sich leicht, einer Tür ähnlich, öffnen ließen. Um nicht im Anschluss wie ein Fallbeil runterzurauschen. Ebenjene Menschen, die lauwarme Plörre als Bier ausgeben und davon auch noch betrunken werden.

Nein, nein, nein, da stehe ich, in meinem langjährigen Bemühen um Verständigung der Völker und muss mir ausgerechnet von jemandem, der die Bitterkeit der Marmelade zum Hochgenuss erklärt, sagen lassen, die Konfitüren von Schwartau, der Mutter aller Marmeladen, seien zu bitter? Da frage ich mich: Ist das der Neid, der da spricht, dass bei uns nicht nur "Bitterorange" bitter ist? Dass wir es auch hinbekommen, andere Früchte zu versauen?

Und dann Kinsellas Gemecker, eine andere von ihm getestete Schwartau-Marmelade sei "messy". Das kann man von mir aus mit "chaotisch", "unordentlich" oder "durcheinander" übersetzen - es bleibt die Formulierung des Anspruchs, Marmelade solle "ordentlich" sein. "Übersichtlich"? Erwarten Sie, verehrte Bitter-Briten, dass die Früchte die britische Tradition des Schlangestehens fortführen und in Reih und Glied auf ihren Verzehr warten?

Revanchistische Gedanken machen sich breit

Ehrlich gesagt, Ihr Blassblüter, das habt Ihr gaaanz toll hinbekommen, mit Eurer "Mail on Sunday" und Eurem "Marmeladenexperten", der in einem Fünf-Sterne-Hotel mit dem Namen "Goring" angestellt ist. Und bei dem man sich doch fragt, ob da nicht im Laufe der Jahre die Tüpfelchen über dem "O" verloren gingen, seit Otto Richard das Haus 1910 gründete. Am Ende muss man froh sein, dass es hier nur Marmelade ist, mit der geschossen wird, und nicht etwa Gummistiefel. Wer weiß, wo der Experte hergekommen wäre.

Wirklich Briten, dieser Angriff hat unserer Beziehung nicht gutgetan. Revanchistische Gedanken machen sich breit. Und das Motto: Rache ist süß.

Dabei wäre es so schade, wenn die guten Beziehungen zwischen unseren Ländern nun ausgerechnet einem Streit über Marmelade beziehungsweise Euren Beleidigungen gegenüber unseren Fruchtaufstrichen zum Opfer fielen. Ich will es von daher noch einmal im Guten versuchen. Ich schlage vor, Ihr bittet a) um Verzeihung und baut b) den Berliner Flughafen zu Ende.

Ich erinnere mich noch gut, wie wir gelacht haben, als in Heathrow Terminal 5 eröffnet wurde, nichts klappte und sich wochenlang das Gepäck türmte. Die letzten Koffer sollen ja nun zugestellt worden sein. Das zeigt, dass Ihr Probleme in den Griff bekommt. Euren Freunden jetzt eine helping hand zu reichen, wäre eine wahrlich faire Geste.