S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Wer hat hier den Schwarzen Peter?
Früher war ja alles schlechter. Zumindest für meine Generation, weswegen ich sehr froh bin, dass heute alles besser ist.
Mit Grausen erinnere ich mich an die Kindergeburtstage, die immer, aber wirklich immer, mindestens einen ungeheuerlichen, unstoppbaren Tränen- und/oder Wutausbruch des Geburtstagskindes zum Inhalt hatten. Das Geburtstagskind war per se toller als alle anderen Kinder und hatte das Anrecht, die Spiele zu beginnen. Allein eine Ausnahme von dieser Regel konnte ein - in den Augen aller - völlig berechtigtes Komplettausrasten des Kindes zufolge haben, in dessen Verlauf die Mutter und die besten Freunde des Kindes auf das bockige Wesen einredeten, wie auf ein totes Pferd, während der Vater mit dem Rest der Geburtstagsgäste schon mal in den Keller ging, um die tolle Modelleisenbahn anzuschauen. Worauf selbstverständlich der nächste Anfall folgte, schließlich wollte das Geburtstagskind als Erster die Treppe runtergehen.
Eines war allerdings - zumindest aus Sicht von uns Kindern - tausendmal besser: Es gab noch keine Vollkornkekse. Kindergeburtstage waren eine Schlacht aus süß und fettig. Kuchen, Sahne, Bonbons, Gummizeug, Pommes, Kartoffelsalat, Würstchen, Fanta, Cola noch und nöcher. Niemals hätte es ein Erwachsener gewagt, uns zur Mäßigung aufzurufen oder Dinkelbrezeln auf den Tisch zu stellen.
Geburtstage mit "Spastis", "Negerlein" und "schwarzen Männern"
Außerdem gehörten zu einem zünftigen Kindergeburtstag diverse Spiele: Das auf Schnelligkeit angelegte Verspeisen sogenannter "Negerküsse" ohne Zuhilfenahme der Hände. Hatten die Gastgeber einen Garten, spielten wir außerdem "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?". Und überall, sogar in der kleinsten Hütte, funktionierte das Spiel "Reise nach Jerusalem", wobei es mir damals schon ein Rätsel war, warum, wenn man nach Jerusalem wollte, immer einer nicht mit durfte.
Im Kindergarten hatte man "Zehn kleine Negerlein" gesungen, jetzt war der Kanon angesagt, in dem vor dem "Türken-Trank" Kaffee gewarnt wurde. "Sei doch kein Muselmann" hieß es da, "der ihn nicht lassen kann". Voll in waren Ostfriesenwitze. Witze über die dümmsten Menschen, die man sich nur vorstellen konnte. Ein blödes Kind war ein "Spasti", und wenn eines beim Bogenschießen nicht mitmachen konnte, weil ihm ein Arm fehlte, dann war das eben so. Wer nicht gewann, bekam auch keinen Preis. Einzig dem Umstand, dass das Geburtstagskind immer heulte, wurde Tribut gezollt, in dem man im Laufe des Nachmittags dazu überging, die Frage "Wer beginnt?" mittels eines Abzählreims zu lösen: "Ene, mene, titschn, tatschn, ene in die Fresse klatschen, ene noch dazu und raus bist du!"
Irgendwann waren die Gewinne verteilt, das Geburtstagskind von der Heulerei total erledigt, und es gab Pommes und Wurst, auf die wir Unmengen Zigeunersoße kippten.
Heute stünden bei so einem Geburtstag die Menschenrechtsorganisation der Uno und Sarah Wiener vor der Tür.
Die Erde hat sich weitergedreht
Die Niederländer müssen sich aktuell Gedanken machen, ob ihr Sinterklaas-Fest rassistische Wurzeln hat und ein überholtes Menschenbild vertritt. Zu diesem Ergebnis kam die Uno-Menschenrechtsorganisation angesichts der Tradition, bei der ein als Nikolaus verkleideter Weißer, von schwarz angemalten Kindern begleitet, Geschenke verteilt. Viele Niederländer wehren sich jedoch gegen diese Einschätzung, sie wollen Sinterklaas und die Figur des "Schwarzen Peter" losgelöst von jeglicher historischer Bedeutung sehen.
Das kann man tun, finde ich. Den Bezug zur kolonialen Vergangenheit mit seinem Anspruch, aus "Wilden" "Zivilisierte" zu machen, Völker zu unterjochen und auszubeuten, wegdrücken und die Mohren auf den Kaffee- und Schokoladenverpackungen, auf den Pralinés und in den Firmenlogos als eigenes, kulturelles Erbe betrachten, das man von seinen menschenverachtenden Wurzeln trennt. Dann schaut man auf das alte Signet und die angemalten Kinder und sagt: "Ist doch hübsch! Klar ist die Geschichte der Herkunft und der Entstehung des Bildes nicht schön, aber, mein Gott, das ist doch nun alles lange her und wir sind doch heute ganz anders."
Das kann man so handhaben. Man kann aber auch auf das, was war, schauen und feststellen, dass die Erde sich weitergedreht hat und heute andere Maßstäbe und Wertevorstellungen unser Miteinander ausmachen. Und man kann aus Respekt gegenüber den anderen seine Traditionen hinterfragen und modifizieren.
Ein Kindergeburtstag mit "Negerküssen", "schwarzen Männern" und "Muselmännern" war in den siebziger Jahren "normal". Heute liest er sich wie das Kinderfest der NPD.