Die Friedhofsverwalter
Zeitungen seien selbstzufriedene, genügsame Monster, meint die Journalistin Silke Burmester. Gute Geschichten finde und lese sie vor allem im Netz - aber diese Kreativität verpuffe zu häufig, während der Zeitungsleser nicht mal ahne, was er verpasst.
Ich bin Journalistin. Klar, lese ich jeden Tag Zeitung. Eigentlich. Tatsächlich wird es jeden Tag weniger. Es ist das eindeutigste Gefühl vom Anachronismus des Mediums - am Morgen mit Meldungen konfrontiert zu werden, die gestern schon durch waren. Durch heißt: aufgegriffen, hochgeworfen, die Einzelteile nach dem Aufschlag analysiert. Im Internet, dem Medium, das heute berichtet, nicht morgen.
Die "taz" kommt noch täglich. Das "Süddeutsche"-Abo habe ich auf das Freitag-Samstag-Angebot reduziert. Drei Monate hat es gedauert, bis ich mich getraut habe, bei der Abo-Abteilung anzurufen, so schäbig habe ich mich gefühlt, so leid tut es mir, dass es heißt: "Wieder eine weniger."
Ich habe Zeitungen immer gemocht, und ich möchte sie weiter mögen, doch ich fühle mich von ihnen allein gelassen. Sie tun nichts dafür, dass ich sie mögen muss. Dass ich sie haben will. Sie sind ein selbstzufriedenes, genügsames Monster. Sie sind wie ein reicher, alter Mann, der meint, sein Geld genüge schon, damit die Weiber um ihn herumhüpfen.
Ehrlich gesagt, ich bin sauer auf die Zeitungen. Sauer, dass sie es sich und mir erlauben, ohne sie auskommen zu können. Warum schaffen sie es nicht, dass ich morgens die Treppe runterlaufe, gespannt, was sie heute wieder für mich haben? Warum schaffen sie es nicht, eine Wundertüte zu sein, die nicht in den Händen zu halten, ein Verlust ist? Deren einzelne Ausgabe man aufheben will, weil sie wieder mal so großartig ist?
Besser als schlimm reicht nicht
Weil die Redaktionen, weil die Chefs noch immer nicht begriffen haben, dass sie Teil eines kreativen Berufsfeldes sind. Sie begreifen sich noch immer als Nachrichtenverwalter und Schönschreiber. Sie haben nicht verstanden, dass das im Zeitalter des Netzes nicht mehr reicht. Eine Zeitung muss mehr sein als eine Kuh, die frisst, wiederkäut und ausscheidet. Eine Zeitung muss etwas Lebendiges sein. Etwas, das - bei aller Lesegewohnheit und bei allen Standards - morgen anders aussieht als heute. Sie muss knallen, sie muss überraschen. Aktuell kann man 50 Ausgaben einer beliebigen Seite einer beliebigen Zeitung nebeneinander legen und lediglich die Fotoauswahl lässt eine Unterscheidung zu. Keinem Beteiligten scheint es erlaubt gewesen zu sein, das Thema tatsächlich auf-zu-arbeiten. Es aufzubrechen, sich damit auseinanderzusetzen, etwas mit ihm zu machen. Grafiker sind Kästchenverschieber, oft genug sind mittlerweile die SchreiberInnen diese Kästchenverschieber. Ihnen wird die Langeweile in der Jobbeschreibung zwangsverordnet.
Ich dachte, ich mag die "SZ" so gern. Sonnabends sind die Wochenend-Seiten drin, mehr Zeit habe ich dann auch, also ist gut, das Wochenend-Abo beizubehalten. Tatsächlich wandert gerade der Extra-Teil immer häufiger ungelesen ins Altpapier. Auch hier will mich keiner überraschen. Wie Grabplatten liegen die Artikel in ihrer gestalterischen Uninspiriertheit auf dem zehn-Seiten-Friedhof. Die Themen sind so aufregend wie Brause, die zu lange steht. Dabei ist es schon besser geworden. Doch besser als schlimm reicht nicht. Es geht nicht um besser. Es geht ums Überleben.
Es geht auch anders
Ausgerechnet die "taz", dieses so häufig in seiner Existenz bedrohte Blatt, hat es geschafft, mit seiner kürzlich gerelaunchten Wochenendausgabe sonnabends etwas vor die Tür zu legen, das ich mit Vorfreude in die Hände nehme. Leider wurde die Neuausrichtung nicht genutzt, originelle Rubriken und schreiberische Spielplätze zu kreieren, doch sie schafft es, zu überraschen. Durch Themen, Autoren, Herangehensweisen, Herzblut. Ich habe beim Lesen das seltene Gefühl: Da steckt Liebe drin.
Die Zeitungsmacher vermitteln gern den Eindruck, alles zu tun, um das Sterben ihrer Blätter aufzuhalten und zeigen eine gewisse Hilflosigkeit, die wohl einen Mitnahmeeffekt wie bei rumänischen Straßenhunden auslösen soll. Dabei ist es ihre Angststarre, die die Misere so groß macht. Denn es ist ja nicht so, dass es sie nicht gibt, die guten Geschichten, die interessanten Schreiberinnen und Schreiber, die Leute, die kreuz und die quer denken. Doch die Verantwortlichen lassen es zu, dass die Kreativität im Netz verpufft. Anstatt die guten Leute aus dem Netz in die Zeitung zu holen, ihre Zeitung durch innovative Köpfe berauschend zu machen, sehen sie zu, wie das Internet zum kreativsten Platz der Welt wird. Und zum spannendsten. Denn etwas wie Standpunkt und Reibung macht den Zeitungsmachern von heute Angst. Ergo schaffen sie schlicht keinen Grund, ihre Zeitung zu kaufen - das Internet ist in jedem Punkt besser.
Dass es anders geht, hat die "Financial Times Deutschland" bewiesen. Mit ihrer letzten Ausgabe. Diese letzte Ausgabe war alles, was eine Zeitung - abgesehen vom schließungsbedingten Mangel aktueller Themen - sein soll. Sie war angstfrei, bunt, unvorhersehbar, gewagt, originell und vor allem persönlich. Die Menschen hinter der Zeitung sind sichtbar geworden in ihrem Umgang mit dem schwierigen Thema einer letzten Ausgabe. Das war echt, das war authentisch, das war spannend. Daran kann man sich reiben.
Wenn die Macht der Anpassung so weiter wirkt, wenn die Zeitungen weiter von den Langweilern der Mittelmäßigkeit verantwortet werden, wird für die meisten Blätter bald die letzte Ausgabe gekommen sein. Es wäre schade, wenn dies die beste Ausgabe ihrer Existenz wäre.