Silvester-Theater: Singen, klingen, rüberswingen - DER SPIEGEL
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Silvester-Theater Singen, klingen, rüberswingen

Viele Theater setzen am 31.12. auf sichere Knaller, aber auch die Moral kommt nicht zu kurz. Vor allem Liederabende stehen hoch im Kurs. Aufgepasst: Die Mitsing-Gefahr ist enorm.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch mal wieder keine Idee für Silvester? Bei der Party des Kollegen halbherzig zugesagt, beim Nachbarn bis zuletzt so unverbindlich wie möglich geblieben? Vielleicht heißt die Lösung ja: beiden absagen. Und statt zu Karaoke gezwungen zu werden lieber anderen beim Singen zuhören – Silvesterabend ist Liederabend an den deutschen Theatern.

Die funktionieren immer nach dem gleichen Prinzip: Es gibt eine lose Rahmenhandlung (eine Zusammenkunft im Altersheim der Zukunft, Alltag in einem deutschen Musikarchiv), und unter diesem Vorwand singen Schauspieler in lustigen Verkleidungen Hits aus allen Epochen, die irgendwie hineinpassen. Das macht manchmal ein bisschen wehmütig und fast immer sehr gut gelaunt, und wer nicht aufpasst, erwischt sich selbst bald beim Mitsingen.

Die Platzhirsche in dieser Sparte sind Franz Wittenbrink und Erik Gedeon; am 31.12. sind ihre Namen auf den Theater-Spielplänen allgegenwärtig: An den Münchner Kammerspielen gibt es gleich zweimal hintereinander "Denn alle Lust will Ewigkeit" (Wittenbrink; www.muenchner-kammerspiele.de ); im Schauspielhaus Hannover ( www.schauspielhannover.de ) ebenfalls zweimal Wittenbrinks "Hallo Deutschland", wobei die zweite Vorstellung über den Jahreswechsel hinweg spielt.

Genauso die zweite von zwei Silvester-Vorstellungen des Gedeon-Klassikers "Thalia Vista Social Club" am Hamburger Thalia Theater ( www.thalia-theater.de ) – um Mitternacht kann man während der Vorstellung mit dem Ensemble auf das neue Jahr anstoßen. In Dresden gibt es zweimal "Erdbeerfelder für immer" (Gedeon; www.staatsschauspiel-dresden.de ).

Dass nicht alle Leute an Silvester nur auf Amüsement aus sind, zeigt die ausverkaufte Premiere von "Biedermänner und Brandstifter" am 31.12. im Düsseldorfer Schauspielhaus ( www.duesseldorfer-schauspielhaus.de ).

Am Berliner Ensemble ( www.berliner-ensemble.de ) hat Claus Peymann den Anti-Kriegs-Klassiker "Mutter Courage und ihre Kinder" auf den Spielplan gesetzt. In Leipzig ( www.schauspiel-leipzig.de ) wird mit der Klimarevue "Alle reden vom Wetter" noch einmal an das Thema erinnert, das eigentlich das globale Problem des Jahres war, bevor uns verkündet wurde, dass die fiktiven Werte, die an den Börsen gehandelt werden, jetzt nicht mal mehr fiktiv vorhanden sind.

Und in Köln ( www.schauspielkoeln.de ) weisen sie sogar ausdrücklich darauf hin, dass man "kein Freund der Spaßkultur" sein sollte, wenn man sich an Silvester zu einem Besuch ihres Schauspiels entschließt: Auf dem Programm steht die hochgelobte Inszenierung von Franz Xaver Kroetzs "Wunschkonzert", einem stillen, eindringlichen Stück, das eine einsame Frau bei ihren allabendlichen Ritualen beobachtet. Am Schluss bringt sie sich um.

Wer sich danach daran erinnert, dass es vielleicht doch ganz schön ist, Freunde zu haben, die einen zu Silvester einladen, hat noch genug Zeit, sich auf den Weg zu machen. Das Kölner Silvester-"Wunschkonzert" endet bereits gegen 19.15 Uhr.