Simon Stone am Theater Basel - "Engel in Amerika" - DER SPIEGEL
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Theater Basel: Klaffendes Himmelsloch

Foto: Sandra Then/ Theater Basel

Neustart am Theater Basel Schwule Fantasie als Klassiker

Das Theater Basel startet mit dem Aids-Stück "Engel in Amerika" in eine neue Intendanz - inszeniert vom Regiestar Simon Stone. Politisch bedrängt antwortet der neue Chef Andreas Beck mit starker Kunst.
Von Andreas Klaeui
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist jetzt viel die Rede von einer "Basler Dramaturgie" in der Pharmastadt am Rheinknie. Gemeint ist damit ein Theater, dass sich seine Stoffe nicht nur inszenatorisch einverleibt, sondern selbst verfasst. Geprägt hat den Begriff Friedrich Dürrenmatt, der 1968 mit wehenden Fahnen zu Theaterdirektor Werner Düggelin ging und sich ein Jahr später mit ihm ebenso grandios verzankte. Immerhin hat das Intermezzo Texte gezeitigt wie "Play Strindberg", das jetzt im Theater Basel wieder auf dem Spielplan steht.

Das Theater hat einen neuen Intendanten: Andreas Beck. Sein Dürrenmatt heißt Ewald Palmetshofer. Mit ihm arbeitete Beck in Wien am Schauspielhaus, nun ist der Autor Dramaturg in Basel, und wie eine Stücküberschreibung nach Basler Modell aussehen kann, hat er anhand von Christopher Marlowes "Edward II." in Co-Produktion mit den Wiener Festwochen schon gezeigt: radikal und schön. Die elisabethanische Groteske wird zum queeren Drama von Tod und Liebe.

Um die Liebe und ihre Möglichkeiten angesichts des Todes geht es auch in Tony Kushners "Engel in Amerika". Louis verlässt seinen Freund Prior, weil er nicht ertragen kann, ihn an Aids sterben zu sehen; Joe ist mit Harper verheiratet, aber trifft Männer; der Staranwalt Roy Cohn hetzt gegen Homosexuelle und hat heimlich Klappensex - Kushners "schwule Fantasie über nationale Themen" trägt die Patina der Reagan-Ära und der Achtzigerjahre, als Aids als "Schwulenkrebs" galt. Aber sind die Themen so von gestern? Klar, Klappensex gibt es nicht mehr, das ist Grindr, aber ist unsere Welt so tolerant, wie sie sich gern sieht? Erlasse gegen "Homo-Propaganda", Schwulenklatschen und religiöse Bekundungen sprechen eine andere Sprache. Klar, die Pharmakologie hat Fortschritte gemacht; gleichzeitig sterben in Afrika nach wie vor Tausende an Aids.

Die kalte, utopielose Welt

Regie-Shootingstar Simon Stone, einer der neuen Hausregisseure in Basel, legt sein Augenmerk denn auch weniger auf die schwule Soap (der er ruhig noch ein paar Langatmigkeiten hätte streichen können) als auf das soziale Sittengemälde. Seine Inszenierung beginnt mit historischer Distanz, in einer Show-Situation: Schminktische an der Bühnenrückwand, von da aus schlupfen die Darsteller in kurze Genre-Szenen, mit viel Zeitkolorit in Kostüm und Haltung.

Im Zug der fünf Aufführungsstunden - die sich an zwei Abenden oder im Marathon sehen lassen - vermindert sich die Distanz immer mehr, die Fokussierung wird enger, die Figuren kommen näher. "Wir hängen tief drin in dieser historischen Kiste", sagt einer. Aus diesem Moment bezieht der Abend seine Relevanz. Kushners Erzählung ist eine Gründererzählung unserer Zeit. So inszeniert sie Stone, als Klassiker, in einer Ästhetik nah am Film. Er baut eine Dringlichkeit auf, die in großen berührenden Momenten gipfelt, etwa als Louis über Roy Cohn, der alles verkörpert, was ihm feind ist, das Kaddisch spricht.

Zugleich konstruiert er das komplexe Realitätsgeflecht Kushners, mit parallelen Strängen und Universen, in denen Untote und Himmelswesen sich herumtreiben, sehr wirkungsvoll und setzt neben die Tragik kaustischen Witz.

Der aktuelle Mehrwert erweist sich ex negativo, als Minus: in der Bilanz nach 30 Jahren Neoliberalismus. Ganz großes Kino ist der Auftritt des titelgebenden Engels. Vom Schnürboden hoch kommt er her und durchbricht die Oberbühne, krachend klafft da ein Himmelsloch, aus dem (wie schon in Stones Wiener "John Gabriel Borkman", ab Januar ebenfalls in Basel zu sehen) nur noch Schnee auf die kalte, utopielose Welt rieselt.

Simon Stone hat mit einem furiosen Ensemble, das das Premierenpublikum mit viel Jubel begrüßt hat, eine geradezu schmerzlich werkgetreue Inszenierung erarbeitet, die Kushners Text übers Zeitstück hinaus in den Rang eines modernen Klassikers hebt, als große zeitgenössische US-amerikanische Tragödie.

Zeit des kulturpolitischen Aufbruchs

Komplementär dazu ging's tags zuvor im Musiktheater los, mit einer "Chowanschtschina" von Modest Mussorgski, die bei dem 32-jährigen Regisseur Vasily Barkhatov tief in den russischen Winter eintaucht und in die "russische Seele" mit ihren Erweckerfantasien und ihrem Kinderglauben an Väterchen Zar. Wer "Chowanschtschina" gesehen hat, möchte man meinen, versteht Putin. Auch musikalisch ist das die ganz große Kiste: mit allem, was die Bühne hergibt.

Andreas Beck tritt seine Intendanz in einer politisch schwierigen Zeit an, der finanzielle Lastenausgleich in Sachen Kultur aus dem Partnerkanton Basel-Landschaft steht auf schwachen Beinen. Da zeigt er, was ein Stadttheater kann. Es ist auch eine Zeit des kulturpolitischen Aufbruchs: Petitionen wurden geschrieben, Unterschriften gesammelt, die großen und kleinen Institutionen der Stadt halten zusammen. Beck ist wohl schneller in Basel angekommen, als er es sich wünschen konnte.

Fürs Theater wirbt er nun mit den Argumenten, die es am besten beherrscht: denen der Kunst. Gut möglich, dass man nächstens beim Stichwort "Basler Dramaturgie" nicht mehr an 1968 denkt, sondern an 2015.


"Engel in Amerika", Theater Basel . Nächste Vorstellungen am 25. und 26.10. sowie 1., 6., 8., 14., 16. und 22.11.