Singapur: Kultur in der Stinkfrucht - DER SPIEGEL
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Singapur Kultur in der Stinkfrucht

Mit der Eröffnung eines opulenten Kulturzentrums möchte das Wirtschaftswunderland Singapur zur Kunst-Kapitale Asiens werden. Kreativität wird bald in Schulen verordnet. In der autoritär geführten Regierungspartei bleibt jedoch vorerst alles beim Alten.
Von Jürgen Kremb
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die gelb-grüne Durian-Frucht, beheimatet in Südostasien, bewehrt mit einer stachligen Außenhaut, erfährt selten ein abgewogenes Gesamturteil. Wegen des intensiven, fauligen Geruchs, den die "asiatische Stinkfrucht" (Brockhaus) verströmt, rümpfen Westler meist angewidert die Nase. Feinschmeckern gilt das Obst aus der Gattung der Wollbaumgewächse jedoch als "Königin der Früchte". Typisches Beispiel eines geschmacklichen Ost-Westkonflikts.

Wegen seiner ungewöhnlichen architektonischen Außengestaltung verlieh der Singapurer Volksmund dem kürzlich eröffneten "Esplanade"-Kulturzentrum den Beinamen "Durians". Mit einer gigantischen Show von 1300 Künstlern aus 22 Ländern, darunter der deutsche Stardirigent Kurt Masur und die Jazz-Größe Wynton Marsalis, werden die Halbschalen aus Beton, Glas und durian-spitzen Sonnenblenden aus Aluminium dieser Tage feierlich in Betrieb genommen.

Aufstieg in die nächsthöhere Touristenklasse

Mehr als 4000 Zuschauer finden in dem kapitalistischen Kulturkombinat aus Konzerthalle, Theatersaal und Probebühnen Platz. Indonesisches Edelholzparkett und deutsche Klais-Orgel, die Akustik eine der besten der Welt. Dem spektakulären Operngebäude in Sydney nachempfunden, ist alles fein und teuer. Mögen sich Ästheten daran reiben, dass der Betonkasten drinnen mit Teeshop und Nippesbude wie ein Shoppingzentrum daherkommt. Für die eher einfallslose Legoland-Kulisse der Vier-Millionen-Metropole, in der Vergangenheit wegen der kleinlichen Gängelung ihrer Bürger als "Kindergarten-Staat" belächelt, bringt der Bau den Aufstieg in die nächsthöhere Touristenklasse.

Bei den Politikern, die noch am staatlich überwachten Lift-Pinkelverbot und dem Einfuhrstopp für Kaugummi festhalten, steht dabei noch mehr auf dem Spielplan. Für sie markiert die Eröffnung des Musentempels eine politische Zeitenwenden. Die Kultur aus der Stinkfrucht soll fortan den Weg in die Zukunft weisen. Frei nach Mao: "Lasst 100 Durians blühen!"

Wie? Das erläuterte Premier Goh Chok Tong jüngst in einer Fernsehansprache zum 37. Jahrestag der Staatsgründung: "Eine kulturell vibrierende Stadt zieht kreative Talente im globalen Maßstab an." In der "Renaissance-City", zu der Singapur nach Gohs sozialer Blaupause mutieren soll, brauche es dafür eine "kleine Boheme", die ihr "kreatives Zeug tut" und es Künstlern ermöglicht, in das entsprechende "Ambiente einzutauchen."

Und wie sie tauchen. Acht Jahre nachdem der junge US-Graffitisprayer Michael Fay mit sechs Schlägen der Rattanpeitsche bestraft wurde, weil er mehrere Luxuskarossen mit der Farbdose bearbeitet hatte, befindet sich in dem "Esplande"-Komplex nun auch eine Graffiti-Wand für Jedermann. Damit nicht genug. Bei der Mathematik-Olympiade belegten die fleißigen Singapurer Pennäler schon die Spitzenplätze. Fortan wird Kreativität auf den Stundenplänen der Schulen stehen. Jetzt soll die nächste Generation nicht nur Mikrochips und Fernseher abkupfern, sondern Kunst und Theater kreieren.

Geradezu tollkühn träumen einige der Technokraten schon vom "New York Asiens", der "kreativen Ökonomie als Antwort auf London und San Francisco", einer "Medianopolis", die bald weltweit Kunst und Medien exportiert. Catherine Lim, einzige bedeutende Autorin der Stadt, warnt allerdings vor Fehlinterpretationen. Mitte der neunziger Jahre war sie in der regierungstreuen Lokalzeitung "The Straits Times" noch heftig abgewatscht worden, weil sie Premier Goh Chok Tong kritisiert hatte. "Es geht nicht um Kunst der Kunst willen," sagte sie.

"Klima der Angst und Selbstzensur"

Das hat ganz praktische Gründe. Zwei Drittel der Singapurer Jugend möchten im Ausland studieren. Im eigenen Land, das nach einem Witz der neidischen Nachbarn aus Malaysia nicht mehr als eine Shopping-Mall mit Nationsflagge sei, gibt es nur wenig, was die Jungen halten könnte. Wichtiger noch, die traditionellen Lebensadern Elektronikindustrie und Petrochemie pumpen längst nicht mehr genug Geld in die Staatskassen. Für den geplanten Ausbau der Biotech-Labore und des Dienstleistungssektors braucht es mehr kreative Immigranten.

Fieberhaft hat die Regierungspartei People's Action Party (PAP) in den vergangenen Monaten kostspielige Programme aufgelegt, die vor allem "kreative" Ausländer in die Stadt mit dem höchsten Lebensstandard in Südostasien locken sollen. Doch selbst das regierungsfromme Wirtschaftsblatt "Business Times" zweifelt, ob das Geld gut angelegt ist. Inklusive der Kosten für das kostenlos zur Verfügung gestellte Grundstück an der sündhaft teuren Uferpromenade, beliefe sich der finanzielle Aufwand für die architektonisch eher mittelmäßige "Esplanade" auf gut 1,3 Milliarden Singapur-Dollar (760 Millionen Euro). Dazu kämen noch jährliche Unterhaltungskosten und Subventionen von gut 180 Millionen Singapur-Dollar (100 Millionen Euro), bilanzierte das Blatt.

Der Dramaturg Ong Keng Seng zweifelt nicht nur, ihm stinkt der Rummel um die "Durians" gewaltig: "Wieder einmal wird die Kunst auf dem Altar des Kommerz geopfert." Der schlaksige Regisseur der experimentellen Schauspieltruppe "TheatreWorks" ist einer der wenigen Singapurer Künstler mit weltweiter Reputation. Im vergangenen Jahr leitete Ong das Berliner Theaterfestival "In Transit". Nach 18 Monaten Verhandlung mit den "Esplanade"-Betreiber, zog sich Ong unter Protest aus der Eröffnungsshow für die Durians zurück. Die Kulturbürokraten wollten gleich auch das Urheberrecht für sein geplantes Theaterstück behalten. "Die schachern wie Geschäftsleute, die keine Ahnung haben, welches Produkt sie verkaufen," schimpft Ong. Es sei geradezu "lächerlich", was nach dem Geldregen für das Prestige-Projekt noch an Kunstförderung für lokale Künstler übrig bleibe.

Und dabei wird das Kernproblem für die heimischen Kunstschaffenden noch lange nicht gelöst. In der Stadt, die im internationalen Vergleich ständig Bestnoten für ihre reibungslose Verwaltung einfährt und stolz auf sagenhafte 8,1 Prozent Wachstum über vier Jahrzehnte ist, torpedieren noch immer kleinkarierte Zensoren das Kunstschaffen. Im vergangenen Jahr erhielt ein Theaterstück, das Vergewaltigung in der Ehe thematisiert Spielverbot ("Beeinträchtigung der multi-rassischen Harmonie"). Die biedere US-Seifenoper "Sex And The City", ist gleichsam verboten ("Zu viel Sex") wie das Tanzen auf Bartresen ("zu gefährlich"), Homosexualität ("wie bei den Briten") und Oralverkehr ("widernatürlich"). Gleichwohl das US-Außenministerium dem chinesischen Zwergstaat mit indischen und malaiischen Bevölkerungsminderheiten gewisse Liberalisierungstendenzen attestiert, heißt es im letzten Jahresbericht der Amerikaner: "Der autoritäre Regierungsstil hat eine Atmosphäre gezüchtet, die sich schädlich auf die Rede- und Pressefreiheit auswirkt." Oppositionspolitiker wie James Gomes schimpfen, es herrsche ein "Klima der Angst und Selbstzensur."

Medienhetze im Stil der sechziger Jahre

Im Kabinett der seit 37 Jahren allein-regierenden PAP, die noch immer von "Seniorminister" (SM) Lee Kuan Yew an der kurzen Leine gehalten wird, sind Boheme und unabhängige Freigeister noch eher selten gefragt. Obwohl sich ein Viertel der Wähler gegen die Regierungspartei entschied, zogen bei den Wahlen im vergangenen Jahr gerade zwei Oppositionskandidaten in das 84-köpfige Parlament ein. Journalisten und Politiker, die vor der wirtschaftlichen Aufbauleistung des Altpolitikers Lee den Hut ziehen, sind gleichzeitig immer wieder angewidert, wie er gnadenlos im Stil der sechziger Jahre die Opposition und Medien niedermacht.

Den Oppositionellen Chee Soon Juan überziehen SM Lee und Premier Goh seit der Wahl mit ruinösen Beleidigungs-Prozessen. Der schmächtige Chee hatte dem Ministerpräsidenten bei einer Kundgebung sinngemäß zugerufen: "Wo ist das Geld für Suharto". Offensichtlich hatte der Ex-Universitätsdozent Chee, nicht gerade eine intellektuelle Lichtgestalt, mit seinem Bezug auf den mächtigen früheren Präsidenten Indonesiens etwas durcheinander gebracht. Dennoch unterstelle der Zwischenruf, "unsere Politiker seien korrupt", begründete SM Lee sein harsches Vorgehen gegen Chee. Singapur ist eine kleine Stadt, da nimmt man es schnell persönlich, wenn jemand rummeckert.

Dass beim Thema Korruption die Kreativität in der Tagespolitik aufhört, musste auch die Nachrichtenagentur Bloomberg kürzlich erfahren. Nach der Berufung von Frau Ho Ching in den Chefsessel der staatlichen Holdinggesellschaft GLC (Government Linked Companies), unterstellte der US-Wirtschaftsdienst, es wäre Vetternwirtschaft im Spiel gewesen. Begründung: Ho sei schließlich die Ehefrau von Vize-Premier Lee Hsien Loong, dem ältesten Sohn von Lee Kuan Yew und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nächsten Premier Singapurs.

Das war ungeschickt. Nach dem gültigen britischen "Common law" muss ein Schreiber nachweisen, dass seine Anschuldigungen korrekt sind, und zwar in diesem Fall vor einem Singapurer Gericht. Bloomberg gab klein bei und überwies Goh, sowie Vater und Sohn Lee eine außergerichtliche Entschädigung von 595.000 Singapur Dollar (350 000 Euro) auf ihr Konto. Das wiederum wurmte einen alten Bewunderer des wirtschaftlichen Musterländle ziemlich. "Warum kommt es, dass einer der erfolgreichsten Politiker auch einer der streitlustigsten ist," maulte David Ignatius, Chefredakteur des "International Herald Tribune" 14 Tage vor der Eröffnung der "Esplanade". Lee Kuan Yew verfolge noch immer politische Gegner, als hänge sein Leben davon ab.

Einen Tag später war die Schmähkritik in der ansonsten lammfrommen Tageszeitung "The Straits Times" nachzulesen. Und der Zensor hatte noch nicht mal ein Komma weggelassen. Typisch Durian.

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