Skandal-Regisseur Bieito Schock, Horror, Calixto
Seine Inszenierungen seien wie ein Drogenrausch, hat der für wüste Bilder und wütende Zuschauerproteste berühmte Regisseur Calixto Bieito einmal über seine Opern- und Theaterarbeit gesagt. Nun inszeniert der Katalane zum ersten Mal ein Stück des nüchternsten aller deutschen Dramatiker, des braven Schwaben Friedrich Schiller, und sagt: "Ich glaube nicht, dass es einen Skandal geben wird am Premierenabend. Aber ehrlich gesagt habe ich noch bei keiner meiner Inszenierungen vorher nur im mindesten geahnt, welchen Aufruhr es hinterher geben würde unter den Kritikern und im Publikum."
Opernregisseur Calixto Bieito: Hassfigur für konservative Kulturkonsumenten
Foto: Marijan Murat/ picture-alliance/ dpaCalixto Bieito, 45, Direktor des Teatre Romea in Barcelona, eröffnet am Freitag mit seiner Truppe die Mannheimer Schiller-Tage mit "Don Karlos": Das ist ein Coup für ein Festival, das mehr sein will als ein Monument der braven Klassikerpflege. Denn der Regisseur Bieito ist vor allem für konservative Kulturkonsumenten eine Hassfigur: Berüchtigt als Mann, der mit nackten Leibern und brutalen Gewaltszenen für Radau sorgt, beispielsweise Mozarts "Entführung aus dem Serail" in einem Bordell spielen ließ und bei anderer Gelegenheit ein älteres Paar beim Kopulieren auf offener Bühne zeigte.
Übelmeinende Kritiker beschimpfen ihn als Oberlehrer, der alle großen Dramen der Menschheit auf die immergleichen Motive Geldgeilheit, Machtgier und sexuellen Unterjochungswahn zurückführe. Bieito beharrt mit sanfter Stimme darauf, dass er nur zeigen will, "wie die Gewalt und der Irrsinn der Menschen die Welt, die Liebe und Poesie zerstören."
Fest steht: Bieito hat es mit seiner Liebe zu surrealen Bildern, Schock und bloßer Haut zum internationalen Star im Regiefach gebracht. Dass er besonders gern in Deutschland arbeitet, erklärt er so: "Ich liebe dieses Land und sein Theatersystem, das vermutlich das beste der Welt ist. Aber ich mag auch die Menschen hier." Im Herbst will er in Mannheim mit dem dortigen Nationaltheater-Ensemble Wedekinds "Lulu" inszenieren - erst seine zweite Arbeit mit deutschen Schauspielern.
Über den Dramatiker Schiller sagt Bieito, er sei ihm schon deshalb besonders nah, "weil er ein Skorpion war wie ich es bin." Im Übrigen sei es die Verknüpfung aus spanischer Geschichte und deutschem Idealismus, die ihn so begeistere an Schillers Stück, ebenso wie "die Idee, dass die Welt ein Gefängnis ist, aus dem man davonfliegen möchte".
Bei Schiller sinnt der stürmische Marquis von Posa auf Hilfe für seinen Jugendfreund Don Karlos, der ganz verdattert ist, weil ihm der eigene Vater, Spaniens König Philipp II., seine große Liebe weggeheiratet hat. Daraus wird ein Kampf der Jungen gegen die Alten, ein Reigen der politischen Intrigen und ein poetischer Tanz um die Revolte gegen väterliche Willkür und gesellschaftlichen Zwang.
Natürlich liegt Calixto Bieito besonders die Vorahnung der Französischen Revolution am Herzen, die in diesem dramatischen Gedicht verhandelt wird, und wenn ein bisschen Schlachtenlärm im Publikum dabei herauskommt, dann soll ihm das auch Recht sein.
"Manchmal ist es ganz gut, wenn es ein bisschen Streit gibt im Theater", sagt Bieito. "Denn durch Streit öffnen sich oft lang verschlossene Türen in den Köpfen."
Don Karlos: Premiere 19. Juni, weitere Aufführung 20. Juni, jeweils 19.30 Uhr, Schauspielhaus Mannheim , Am Goetheplatz, komplettes Programm der 15. Internationalen Schillertage vom 19. bis 27. Juni unter www.schillertage.de , Kartentelefon 0621/1680150.