Sneakers sind out: Revolutionäres aus Mailand - DER SPIEGEL
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Sneakers sind out Revolutionäres aus Mailand

Nach Schwarz kam Grau. Nach Grau kam Camel. Doch auf den Mailänder Damen-Defilees begann der Aufstand der Basisfarben, den selbst Armani und Strenesse mitmachen. Weitere Paradigmenwechsel in der Mode: Die Sneakers sind out, und statt Röcken sollen jetzt Hotpants getragen werden.
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Mailand - Auf den Mailänder Damenmodenschauen für die Herbst-Winter-Saison 2000/2001 deutete sich eine Wachablösung an. Als Grundfarbe akzeptieren die meisten Designer nur noch helles Braun. Ansonsten muss sich die modische Frau auf ganz viel Farbe einstellen. Revolutionäres auch in der Schuhmode: Die Sneakers, jene im Straßenbild so präsent gewordenen Unisex- Sportschuhe, weichen Pumps und Stiefeletten mit Pfennigabsätzen. Mit Nylon und anderen Techno-Fasern ist es auch nicht mehr weit her - Chiffon, Seide, Pelz, Mohair und Tweed geben sich die Ehre.

Als "exzentrisch, extravagant und durchgeknallt" charakterisierte das italienische Designerduo Dolce & Gabbana seine neuen Modelle. So ziemlich jeder Stoff der Kollektion wird in Plissees gelegt. Vor allem Seide und Chiffon für Hosen mit ausgestelltem Elefantenfuß oder Joggingbündchen, Neckholder-Kleider, Blusen mit überlangen Ärmeln. Und alles in berauschenden Farben. Selbst Tweed kommt bei Dolce & Gabbana gefaltet. Die Hosen der dreiteiligen Anzüge im Männer-Stil verharren unterm Knie in einer Manschette, die einen Kniebundeffekt gibt. Swarowski-Kristall übersät sind die Kleider mit ihren langen Schals.

"Für mich ist Pelz ein Material wie jedes andere", meinte Karl Lagerfeld, der deutsche Designer des italienischen Modehauses Fendi. Kurze Persianer-Jäckchen, Jacken aus Breitschwanz oder aus mit goldenen Borten unterbrochenem Chinchilla sowie geschorene Nerzmäntel in rasanten grafischen Dessins gehören zum Fendi-Repertoire. Die japanische Grafik der sechziger Jahre inspirierte Lagerfeld zu vielen bunten Druckmotiven. "Ich spiele mit Farben wie Kinder mit Spielzeug", sagte er im Anschluss an das Defilee am Donnerstagabend, zwei Tage vor dem Ende der neuntägigen Mailänder Modenschauen. Goldene Details, wie Sonnenbrillen, Henkel der Taschen in Schachtelform oder Gürtel aus Metall, ergänzen den schrillen Look.

Krizia-Designerin Mariuccia Mandelli spielte die Blau-Nuancen durch - von Mitternachts-, Meeres- oder Chinablau bis hin zu Kobalt und Indigo. Mandellis "blaue Phase" erstreckt sich auch auf die äußere Hülle. Lange, oft hochgeschlossene Mäntel hat sie in ihrer Kollektion - mit verdeckten Verschlüssen oder alternativ gewickelt und gegurtet. Sehr zum Missfallen der Tierschützer wird Pelz auch bei dieser Show als Modehit präsentiert. Neben Lamm ist Ponyfell häufig benutztes Material - entweder als komplettes Outfit verarbeitet oder als flickenförmiger Besatz.

Für den Abend greift die Modebranche wieder auf flatternde Stoffe zurück. Bestickter Chiffon wird von mehreren Häusern verarbeitet, aber auch metallisch glänzende Materialien in Rosa und Bronze. Als echte Alternative zur großen Abendrobe bieten die Designer in Mailand Super-sexy-Arrangements: Hotpants und asymmetrische Tops aus mit Samt applizierter Transparenz oder ein Nichts aus Pailletten in Patchwork-Design.

Nur Gucci bleibt beim Schwarz

Die florentinische Familiendynastie Salvatore Ferragamo holte sich mit dem Franzosen Marc Audibet einen neuen Kreativ-Berater ins Haus. Audibet, der unter anderem schon für Prada und Hermès gearbeitet hat, verjüngte gekonnt die etwas konservative Linie, ohne die Tradition des Hauses zu verletzen. Trapezformen dominieren bei Mantel, Kleid und Rock - alles in Knielängen. Camel geht zusammen mit Apfelgrün, Eisblau und Rosa spannende Farbkombination ein.

Giorgio Armani schickte erst einmal seine junge Emporio-Linie über den Laufsteg, bevor dann seine Hauptkollektion am Samstag die Mailänder Defilees beschließt. Der Designer nahm den Applaus für eine außerordentlich elegante Mode mit Rüschen- und Plissee- Effekten wie gewöhnlich persönlich entgegen - in Sporthosen.

Laura Biagiottii überzeugt mit Grob-Fein- und Matt-Glanz- Kontrasten. Ihre Farben holt sie sich aus der Natur. Kaschmir - das Biagiotti-Material schlechthin - bestickt die römische Designerin mit Barockperlen. Neben derber Strickoptik verwendet sie gern zarte Kristallnetze. Und auch an Biagotti geht das Comeback der Hotpants nicht vorüber. Sie nehmen in ihrer Linie neben bodenlangen Plissee- Röcken und groben Schalumhängen großen Raum ein.

Während viel Farbe und Muster die Mailänder Damenschauen Herbst-Winter 2000/2001 dominierten, konterte Gucci mit Schwarz. "Wenn ich nur ein Wort hätte, um die Kollektion zu beschreiben, dann wäre dies 'dressed'", sagte Tom Ford, der amerikanische Designer des traditionsreichen italienischen Modehauses. Dressed, also angezogen im besten Sinne des Worte, steht für Couture-Elemente wie die Rüschen am Kragen, am Dekolleté, als Manschette .Der maximal knielange Mantel rückt ins Zentrum der Kollektion. Er ist aus Pelz, aus Kroko- oder Straußenleder, gesteppt oder gold gefärbt und vor allem schmal in der betonten Taille. Die Linie ist sehr reduziert, der Blick wird auf Stoffe und Details gezogen. Dazu gehören goldene Knöpfe und Reißverschlüsse, der Tigerkopf, den Tom Ford im Gucci- Archiv entdeckte und nun auf Gürteln zu sehen ist. Schmale Motorrad- Lederhosen und kurze Röcke heißen die Gucci-Alternativen fürs Bein. Organza- und goldene Lurexkleider, oft mit tiefen V-Ausschnitten, bestimmen den Abend.

Besonders deutlich wurde das bei Prada: Die vierziger Jahre sind das große Thema bei den aktuellen Entwürfen der Designerin Miuccia Prada - sie zeigte fast schon eine Couture-Kollektion. Dazu gehören Mäntel mit Schleifen-Verschlüssen und Kostüme mit körpernahen Jacken und ausgestellten Röcken. Auch Chanels Bouclé wird zitiert. Eine Borte aus Organza markiert bei vielen Prada-Stücken Taille oder Brust. Wolf- oder Nerzkrägen sind unverzichtbare Accessoires. Chiffonkleider haben Einsätze aus Tweed, was den Wäsche-Charakter des zarten Materials etwas abschwächt. Tweed gibt es als Detail auch bei kurzen Schals und am Abend zu silberfarbenen Kleidern. Schräge Streifen und botanische Elemente bilden bei Prada das Druckthema.

Strenesse ist neben Jil Sander die einzige deutsche Kollektion, die in dieser Saison auf den Mailänder Laufstegen zu sehen ist. Gabriele Strehle, die Designerin und Frau hinter der Marke, zeigte ungewöhnlich verspielte Details zum klaren Look: Röcke aus Tweed oder Leder - in der aktuellen Knie-Variante - haben bei Strenesse hohe asymmetrisch angelegte Schlitze, vor allem aber Falten, die parallel laufen oder zum Saum hin aufspringen - und sich schließlich, vor allem bei den Chiffon-Modellen, in Plissees steigern. Gurte an kurzen Mänteln, Blousons und Strickjacken, aber auch am transparenten schwarzen Abendkleid. Ansonsten auch hier Farbe: Unter sehr viel Braun mischten sich knalliges Orange und Violett.

Axel Botur