Sommer-Dessert: Kuchen statt Fluchen - DER SPIEGEL
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Tageskarte Küche: Zwetschgenkuchen

Foto: Peter Wagner

Sommer-Dessert Kuchen statt Fluchen

Angestachelt vom täglichen Angriff der Wespen, schlagen Genießer zurück mit allem, was ihnen so in die Hände fällt. Doch die Schwarzgelben sind hartnäckig und setzen sich am Ende durch. Deshalb ein Rezept zum Drinnengenießen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine bestechende Wahrheit dieses Sommers lautet: Wespen lassen sich selbst von wildem Wedeln mit was auch immer nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Je unkontrollierter der Insektenfeind um sich schlägt, desto mehr Biester fahren schon mal den Stachel aus. Und meist gewinnt im septemberlichen Kleinkrieg um den Zwetschgenkuchen der kleinere der beiden Kombattanten den Nahrungsnahkampf.

Im Gegensatz zu anderen unerwünschten Mitessern aus dem Tierreich wie Ratten und Mäusen, Schnecken oder Müslimotten ist gegen Wespen kein Kraut gewachsen. Glück, bei wem nur Langkopfwespen auf dem Dachböden ihre papierartigen Nester bauen, denn die interessieren sich (wie Bienen) nicht für die Speisen des Hausbesitzers.

Ganz im Gegensatz zu ihren Kurzkopf-Verwandten Vespula Vulgaris und Vespula Germanica. Die lieben Süßes wie Herzhaftes, denn sie sind in der Lage, fast jede menschliche Nahrung zu einem Brei zu verarbeiten, mit dem sie die Brut füttern.

Elektrisierende Maßnahmen

Nachdem ich meinen ersten, völlig unverschuldeten, Wespenstich der Saison mühsam auskuriert hatte (das Biest war in eine Wolldecke auf dem Balkon gekrochen, und ich machte den Fehler, den Stich nicht sofort mit einer frisch angeschnittenen Zwiebel zu behandeln), veranstalteten wir im Freundeskreis den großen Abwehrtest. Immerhin weiß niemand vor seinem ersten Stich, ob er zu den drei Prozent der Bundesbürger mit Wespen- Allergie gehört.

Hausmittel, chemische Keulen, Elektroschocks, rauchende Colts - alles kam auf den Prüfstand. Der alte Winzertipp, am Rande der Parzellen Wespenfangflaschen mit einer speziellen Köderflüssigkeit aufzustellen (50 ml Weinessig, 50 ml Wein, 150 ml Bier, ca. 300 g Zucker und ein paar Tropfen Spülmittel je Liter) zeigte sofort durchschlagende Wirkung. Unter den Vespulavölkern der Umgebung sprach sich blitzschnell herum, dass bei den Wagners was zu holen ist. Natürlich flogen sie alle an den Tisch und keine einzige in die Falle.

Auch die anderen Hausmittel versagten kläglich: Ätherisches Gel aus dem Baumarkt, Kupfermünzen, getränkte Salmiaktücher (wer will schon Ammoniakgestank an der Kaffeetafel?), mit Gewürznelken gespickte Zitronenhälften, Basilikumtöpfchen - alles Fehlanzeige. Das Giftspray aus der Dose ("Gegen schwer bekämpfbares Ungeziefer") erwies sich als besonders kontraproduktiv, traf nie die Wespen, legte aber eine feine Schicht Cypermethrin über die Schlagsahne. Die wollten wir dann ebenso wenig verspeisen wie den Zwetschgenkuchen nach Entzünden des Schälchens mit Kaffeepulver. Der beißende Rauch vertrieb zwar binnen Sekunden alle Wespen. Aber leider auch unsere Gäste.

Einer von ihnen hatte einen schwarz-gelben Kindertennisschläger bei seiner Flucht verloren. Nähere Untersuchungen ergaben, dass es sich hierbei nicht um ein CDU/FDP-Werbegeschenk handelte, sondern um eine elektrische Fliegenklatsche. Doch anders als bisher getestete Geräte dieser Art fehlte unserem Elektroschocker das "CE"-Zeichen. Es stammte, wie aus dem Untertresenbereich eines großen China-Import-Marktes.

Und genau deshalb entpuppte sich das Plastikpaddel als perfekter Killer: Mit weitaus mehr Volt aufgeladen, als es hierzulande erlaubt ist, fielen die Wespen schon nach kurzer Berührung mit den Drähten bewusstlos zu Boden.

Ein Wespenvolk fängt im Laufe eines Tages bis zu 5000 lästige Insekten (zum Beispiel Mücken), bestäubt unzählige Pflanzen und dient als Nahrung für viele Vögel. Lassen wir sie also leben und essen den Zwetschgenkuchen des heutigen Rezeptes drinnen.

Rezept für Zwetschgenkuchen (Dessert für 8 Personen)

Vorbereitungszeit: 60 Minuten

Zubereitungszeit: 50 Minuten

Schwierigkeitsgrad: leicht

Zutaten

Teig
500 g Weizenmehl 405

1 Würfel Backhefe

250 ml handwarme Milch

50 g Butter

50 g brauner Roh-Rohrzucker

1 Ei

1 Prise Salz

Pflaumenreduktion
500 g sehr reife Pflaumen

2 El brauner Roh-Rohrzucker

150 ml japanischer Pflaumenwein

2 Stück Sternanis

1 Tl Zimt, frisch gemahlen

Zwetschgen
1000 g Bühler Zwetschgen, reif aber noch druckfest (oder andere deutsche Zwetschgensorte)

Streusel
125 g Butter

100 g weißer Zucker

175 g Weizenmehl

Zubereitung

Teig
Prinzipiell sollten bei Hefeteigen alle Zutaten möglichst die gleiche Temperatur haben, deshalb vor allem Ei und Hefe rechtzeitig aus dem Kühlschrank nehmen; Milch und Butter auf Zimmertemperatur bringen.

Das Mehl in eine große Schüssel sieben, eine Mulde in die Mitte drücken, dort die Hefe hineinbröseln, Milch darauf schütten und die Hefe mit Hilfe einer Gabel auflösen, nicht zu viel Mehl hineinrühren. Schüssel mit Tuch bedeckt ca. 1 Stunde an warmem Ort stehen lassen. Der Teig in der Mitte (Vorteig) sollte nun leichte Risse an der Oberfläche zeigen. Jetzt die restlichen Zugaben in die Mitte der Schüssel geben und das Ganze zu einem trockenen Teig kneten, bis er sich von der Schüsselwand löst (geht auch mit Küchenmaschine). Teig erneut zudecken und an warmem Ort gehen lassen - er sollte sein Volumen in etwa verdoppeln.

Pflaumenreduktion
Am besten bereits am Vortag herstellen. Pflaumen waschen, halbieren und entsteinen. Zucker in beschichteter Pfanne karamellisieren, mit der Hälfte des Pflaumenweins ablöschen, leicht einkochen lassen. Jetzt Pflaumen und Gewürze beigeben, mit dem Rest des Weins auffüllen und bei niedriger Temperatur ca. 20 Min. zu einer breiigen Konsistenz einkochen. Durch ein feines Sieb pürieren, Flüssigkeit erneut vorsichtig zu einer zähen Masse einkochen, kalt stellen.

Zwetschgen
Früchte waschen, halbieren und entsteinen. Auf der Fruchtseite längs einschneiden, aber nicht komplett vierteln. Die Hälften sollten wie ein Buch aufklappbar bleiben (so lassen sie sich später besser auf dem Kuchen hintereinander stecken).

Streusel
Zutaten in Schüssel mit den Fingerspitzen zu Streuseln reiben.

Fertig stellen
Teig ausrollen und in eine bemehlte flache Kuchenform drücken. Teigboden nicht einstechen. Pflaumenreduktion gleichmäßig aufstreichen, Zwetschgen aufrecht hintereinander stellen, mit den Streuseln bedecken. Im auf 200 Grad vorgeheizten Backofen (keine Umluft) 25 Min. backen, Herd ausschalten, Kuchen weitere 10 Min. darin belassen. Nach dem Herausnehmen evtl. mit Puderzucker bestreuen.

Der Kuchen kann warm gegessen werden, schmeckt aber am besten, wenn er ca. 2 Stunden abgekühlt hat.

Küchen-Klang

Wem es zu langweilig ist, beim Aufgehen des Hefeteigs zuzusehen, kann die Zeit mit intensivem Hüft- und Lendenschwingen vertreiben - was perfekt beschallt wird von "Dusk Till Dawn" (Strut/Alive), der ungemein funky-souligen CD des HipHop-Kollektivs Breakestra aus Los Angeles.

Getränketipp

Eine dampfende Tasse frisch gebrühter Kaffee passt immer zum Zwetschgenkuchen. Wenn das süße Stück als Dessert in einem Menü gereicht wird, trinkt sich auch ein möglichst leichter Dessertwein wie der 2008 McGregor White Muskadel Robertson  aus dem südafrikanischen Breed River Valley gut dazu - allerdings nur, wenn er nicht wärmer als 6 Grad serviert wird.