Sophie Calle: Inszenierte Schnüffeleien - DER SPIEGEL
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Sophie Calle Inszenierte Schnüffeleien

In diesen Tagen sollte niemand vorschnell an seinem Verstand zweifeln, wenn er sich verfolgt und beobachtet fühlt. Zumindest nicht, wenn ihm eine Mittvierzigerin mit blonder Perücke und Leica auf den Fersen ist. Es könnte eine der bizarrsten Künstlerinnen am Werk sein, die sich heute auf dem Kunstmarkt tummeln.
Von Birgit Stallmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kassel - Ex-Partnerinnen rachsüchtiger Ehemänner wie auch Promis kennen sie, die nervenzermürbenden Verfolgungsjagden und hemmungslosen Schnüffeleien, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Opfer von Spannern fühlen sich erniedrigt und beschmutzt, wenn sie erfahren, dass sie einem Logengast auf dem Balkon wochenlang unfreiwillig einen Seelen- und Körperstriptease hingelegt haben.

Als die französische Konzeptkünstlerin Sophie Calle vor zwanzig Jahren in Paris anfing, wildfremden Menschen mit Kamera und Notizblock heimlich hinterherzulaufen, hegte sie keine niederen Absichten. Sie war einsam. Und neugierig.

Die Schnüffeleien gerieten zur Obsession, wurden fortan geplant und als Kunstwerke inszeniert. Seitdem fügt Sophie Calle Fotografien, trockene Notizen und präzise Tagebucheinträge zu künstlerischen Ensembles zusammen, von denen jedes die Geschichte einer erbarmungslosen Observation erzählt.

Mit der ersten deutschen Retrospektive "Die wahren Geschichten der Sophie Calle" zeigt das Museum Fridericianum in Kassel seit Samstag skurrile Spionageperformances der international gefeierten Künstlerin.

Calle ließ Fremde in ihrem Bett übernachten und fotografierte sie. Sie suchte sich einen Job als Zimmermädchen, nur um die Taschen der ahnungslosen Gäste zu durchwühlen und ihre Post zu lesen. Sie kopierte ein gefundenes Adressbuch, quetschte die Freunde seines Besitzers aus und veröffentlichte den Tratsch in einer französischen Tageszeitung als Fortsetzungsreihe.

Eines Tages wurde ihr Henri B. vorgestellt. Henri war ein No-name, eine Allerweltserscheinung und unspektakulär wie Tulpen in Holland. Aber als Henri beiläufig erwähnte, er verbringe seine Ferien in Venedig, wurde er zur fixen Idee der Künstlerin. Sie reiste ihm nach, kundschaftete fiebrig sein Hotel aus und folgte ihm tagelang auf Schritt und Tritt - bis Henri ihr völlig entnervt verbot, ihn weiter zu belästigen. Artig wie ein kleines Mädchen trat Sophie Calle ab und schoss nur noch ein letztes wehmütiges Foto, als Henri nach seinem verdorbenen Urlaub den Pariser Bahnhof verließ.

Um sachliche Richtigkeit und Wahrheit geht es der Künstlerspionin nicht. Realität und Fiktion sind bei Sophie Calle nicht zu unterscheiden. So lebte sie selbst das neurotische Leben der Romanfigur "Maria" und führte wie diese abstruse "chromatische Diäten" durch - montags etwa gab's nur orangefarbene Speisen, dienstags nur rote.

Oder sie stellte als "Maria" einen ganzen Tag unter das Motto eines Buchstabens. An Tag B inszenierte sie sich als plüschige Brigitte Bardot, als Kunstfigur, die in ihrem Bett von Tieren umgeben ist.

Sophie Calle ist eigentlich eine zarte Person, die rührende Ängste hat: "An meinem Geburtstag bin ich immer besorgt, dass die Leute mich vergessen." Die Geschenke, die sie erhält, bewahrt sie in Glasvitrinen auf, als könne es ihr eines Tages doch entfallen, dass niemand sie vergessen hat.

Mit 15 Projektarbeiten, die zwischen 1980 und 1999 entstanden sind, zeigt das Museum Fridericianum die wichtigsten Werke Sophie Calles. Darunter auch die umstrittenen Arbeiten mit Blinden, die sie nach ihrem Begriff von Schönheit fragte.

Sophie Calles Werke kreisen um Themen wie Erinnerung und Gedächtnis, Konstruktion von Identität, Öffentlichkeit und Privatheit. Marktgerechtes Kalkül wird das nicht sein. Vielleicht ist sie einfach nur eine "merkwürdige Person, die merkwürdige Dinge treibt", wie der "Observer" vermutete. Jedenfalls ist Sophie Calle die Kunst - nach eigenem Bekunden - ziemlich egal.

"Die wahren Geschichten der Sophie Calle" sind noch bis zum 21. Mai 2000 im Museum Fridericianum in Kassel zu sehen. Die Ausstellung ist Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und Donnerstag von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt acht Mark; der Katalog zur Ausstellung kostet 28 Mark.