Sophie von Hellermann: Jung, blond, böse - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Sophie von Hellermann Jung, blond, böse

Die deutsche Malerin Sophie von Hellermann wird in London als Entdeckung gefeiert ­ gerade weil sie hartnäckig die Trends und Spleens des Kunstbetriebs verulkt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alchimie im 21. Jahrhundert funktioniert so: Man kaufe in einem Laden an der nächsten Ecke kistenweise Einwegwasserflaschen, beklebe sie mit neuen Etiketten und verspreche darauf die prompte Konservierung der Jugend ­ "Wer einmal von diesem Wasser getrunken hat, weiß, wie gut es tut. In körperlicher, inspirativer und spiritueller Hinsicht."

Sophie von Hellermann und ihre Freunde haben auf einer ihrer Londoner Künstlerpartys auch gleich Erfolgsbeispiele genannt: zum einen sich selbst ("Die Mitglieder dieser Gruppe scheinen keinerlei Alterungsprozess unterworfen zu sein") und zum anderen den 61 Jahre alten Londoner Galeriepapst Anthony d'Offay. Dem werde nachgesagt, "er sei in Wahrheit älter, als er aussieht. Und zwar erheblich älter".

Der Ausschank von Jungbrunnen-Alkoholfreiem vor ein paar Tagen war ein ironischer Seitenhieb auf den anhaltenden Jugendwahn im britischen Kunstbetrieb. London gilt neben New York als der wichtigste Kunstknotenpunkt weltweit. Jung zu sein, sagt die aus Deutschland stammende Hellermann, 26, "ist hier für Künstler eine extrem wichtige Voraussetzung". Eine, die niemand ewig erfüllen kann ­ "es sei denn, er trinkt unser Wasser".

Britische Galeristen und Kuratoren, immer auf der Suche nach frischer Kunstware, akquirieren den Nachwuchs tatsächlich schon auf den Abschlussausstellungen der Kunsthochschulen. Allerdings konkurrieren in keiner anderen europäischen Stadt auch ohne magische Wässerchen so viele Jungkünstler wie in London. Die Hysterie, meint Hellermann, habe ihr Gutes: "Die Aufmerksamkeit für Kunst ist sehr viel größer als in Deutschland."

Sie selbst profitiert gleich doppelt davon: zum einen als Mitglied ihrer Künstlerclique "Hobbypop", zum anderen als Solomalerin.

"Wahrscheinlich geht es mehr um den Stuhl, als um meine Bilder"

So meckerte zwar der britische "Guardian" kürzlich über die mangelnde Substanz vieler Londoner Jungkünstler, nannte als eine der wenigen Ausnahmen aber Hellermann ­ und verglich deren "sehr nordische Malerei" mit solchen Größen wie Edvard Munch, Marlene Dumas und Martin Kippenberger. Der "Independent" zählt sie zur "Creme" der britischen Nachwuchskünstler, das Magazin "Art Review" hält sie für ein "upcoming talent".

Was fürs Image beinahe wichtiger ist als solches Lob: Der Sammler und Kunstinvestor Charles Saatchi kaufte knapp zwei Dutzend Hellermann-Bilder. Saatchis Macht ist gefürchtet. Gerade erst schreckte er die Londoner Museumsdirektoren mit der Nachricht auf, in absehbarer Zeit ein eigenes Großmuseum eröffnen zu wollen.

Weil er jetzt schon gern zeigt, was er besitzt, stellte Saatchi die Neuerwerbungen in hübsch heruntergekommenen Fabrikräumen im trendigen Londoner Osten aus. Und da erfolgreichen Künstlern in London ein hoher Glamourfaktor nachgesagt wird, meldete sich daraufhin das Modemagazin "Vogue" und bat die blonde Deutsche, sie in ihrem Atelier auf einem Siebziger-Jahre-Designerstuhl vor ihren Bildern fotografieren zu dürfen. "Wahrscheinlich geht es mehr um den Stuhl als um meine Bilder", spottet Hellermann.

Ihre großformatigen Gemälde sind allerdings kaum zu übersehen. Sie malt schnell und bunt, vereinfacht Formen und Figuren auf wenige schwungvolle Pinselstriche und schlittert trotzdem eindrucksvoll an der puren Comic-Naivität vorbei. Ihr flüchtiger Realismus hat etwas abgedreht Phantastisches, die Farbigkeit ihrer Werke wirkt manchmal fast poetisch, und ihre Gestalten, die oft einsam im Raum herumschwirren, könnten an die des melancholischen Romantikers Caspar David Friedrich erinnern ­ würde Hellermann ihre rosaroten Bilder nicht mit schwarzem Humor anreichern.

Die Jerry-Hall-Blondine etwa, die sich im extratransparenten Kleid auf dem Sofa räkelt, erregt wegen ihrer Freude an der exzessiven Selbstdarstellung beinahe Mitleid. Die Cover-Version des berühmten "Frühstück im Freien" von Manet mutet fast kannibalistisch an. Und dann gibt es noch die beiden Duellanten ­ die zielgenau aneinander vorbeischießen.

Eine ihrer Serien heißt "Vusering Hites" und ist eine verklausulierte Hommage an die schriftstellernden Brontë-Schwestern. Hellermann, in München geboren, hat einen Großteil ihrer Schulzeit in einem kleinen Ort nahe Oxford verbracht. Das Leben dort, sagt sie, sei für sie und ihre drei Schwestern in etwa so idyllisch und unaufregend gewesen wie das der Brontë-Geschwister 150 Jahre zuvor.

Während ihres Studiums in Düsseldorf gründete sie zum Ausgleich mit Freunden Hobbypop und dann gleich noch ein Hobbypop-Museum: Das besteht aus einer großen Halle, in der sie Performance-Partys veranstalten; die einzelnen Hobbypops mutieren dabei zu DJs und Schauspielern.

Künstlerantwort auf den Berlin-Wahn: ein Hauptstadt-Nachbau aus Pappe und Sekundenkleber

Vor allem üben sie sich in mild subversiver Provokation: Wird Jungkünstlern vorgeworfen, nur noch Events statt Kunst zu produzieren und um die Banalitäten des Alltags zu kreisen, inszenieren sie erst recht eine supraseichte "fotofashionlovestory", für die sie Sprechblasen mit sinnentleerten Texten aufhängen. Und auch Hobbypop klingt wie der Name einer schlechten Boy-und-Girlie-Group.

Auf den Berlin-Wahn antworteten sie mit dem Nachbau der Hauptstadt aus Pappe und Sekundenkleber: In ihrem Berlin standen neben dem Brandenburger Tor ein auf Albert Speer anspielender "Lichterdom Germania", ein Fernsehturm und ein Holocaust-Mahnmal. Dann wieder verausgaben sie sich vor Publikum beim Federball. Das Kollektiv gibt sich verspielt ­ und reagiert doch seismografisch auf die Sehnsucht nach dem Ende aller nervigen Trends. Offen bleibt, ob es sich über ewige Gesellschafts- und Generationennörgler lustig macht oder doch über sich selbst.

Mal wird der Zeitgeist stilvoll, mal im Trashlook beerdigt. Für eine Ausstellung in San Francisco baute Hobbypop einen VW-Bus nach ­ als epochenübergreifende Verknüpfung zwischen kalifornischen Hippies und deutschen Techno-Fans. Alles wiederholt sich, nur waren die einen ständig unterwegs zum nächsten Wald-und-WiesenKonzert und rauchten Joints, die anderen tourten zur Love Parade und schluckten bunte Pillen. Beide Phänomene haben ihre größten Zeiten hinter sich.

Auch bei der fleißigen Hobbypop-Spaßflotte kam es zwischenzeitlich zu Abspaltungen, einige Mitglieder setzten sich nach Berlin ab. Hellermann dagegen ging ans Royal College of Art in London. Ein Leben in Berlin, sagt sie, käme schon deshalb nicht in Frage, weil die dortige Kunstszene weiblichen Nachwuchs ignoriere: "Den Briten kann man so viel Anachronismus nicht vorwerfen."

Heute leben die insgesamt neun Hobbypops in London und Düsseldorf. Alle Aktivitäten werden über Telefon und Internet abgesprochen. Manchmal wird auch gemeinsam und vor Ort gemalt. So entstand als Kollaboration mit ihrem Kollegen Markus Vater im vergangenen Jahr die Baader-Meinhof-Serie ­ und dabei Bilder wie "Ulrike 79" im krakeligen Kindergartenstil. "Als Kind in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern", sagt sie, "hat doch jeder mal Terrorist gespielt, das Thema war immer präsent": Das Centre Pompidou in Paris hat schon angefragt, ob es die irritierend naive Serie im kommenden Jahr in einer großen Ausstellung zur Malerei im 20. Jahrhundert ausstellen darf.

"In London", sagt Hellermann, "wollen alle jüngeren Künstler den Erfolg der 'Young British Artists' kopieren." Diese neuen Stars, die nie eine homogene Gruppe bildeten und zu denen solche Exzentriker wie Tracey Emin und Damien Hirst gehörten, versetzten seit Mitte der neunziger Jahre die Kunstwelt in Euphorie. Ihre Werke waren ebenfalls von Saatchi aufgekauft und in der Wanderausstellung "Sensation" von London bis New York als Skandalkunst vermarktet worden.

Mögen sich viele Kritiker darüber aufregen, dass Saatchi strategisch ganze Ateliers leerkauft. Hellermann sagt, sie habe nichts gegen diesen "charmanten Sammler".

Ihre Strategie sichert sie ohnehin gegen fast jede Vereinnahmung ab. Statt sich den Spleens des Kunstmarktes zu beugen, persifliert sie diese immerzu.

Für ihre nächste Hobbypop-Aufführung am kommenden Samstag im Düsseldorfer Kunstverein bereitet sie mit ihren Künstler-Kumpels eine "Aftershow-Party" vor, auf der sie dann den kleinen Small Talk darüber inszenieren wollen, welche Künstler man kürzlich in Venedig, New York, London, Paris, Köln gesehen und getroffen hat.

Aftershow-Partys sind eine Erfindung der Mode- und Laufstegwelt, im Kunstkosmos sind sie inzwischen wichtiger als jede Ausstellungseröffnung selbst. Warum sollte man auch nicht das Angenehme mit dem Satirischen verbinden?