Spione im Museum James Bond jagt Markus Wolf
Der Fluchtplan war perfekt: Auf dem Heimweg von einem Abendessen sprang Edward Lee Howard in einer Kurve aus dem fahrenden Auto, und seine Frau Mary, die am Steuer saß, setzte einen Dummy auf seinen Sitz. Zuhause angekommen, holte sie eine Tonbandaufnahme mit der Stimme ihres Mannes hervor und inszenierte einen Anruf, wohl wissend, dass die Telefonleitungen abgehört wurden. So schöpfte niemand Verdacht, dass Howard verschwunden war. Das alles geschah im September 1985. Erst ein Jahr später tauchte Howard wieder auf - als "politischer Asylant" in Moskau. Er war dem FBI entkommen, das ihn wegen Spionage festnehmen wollte.
Der CIA-Offizier hatte angeblich als erster US-Agent Geheimdienstinformation an den KGB verkauft. Seine spektakuläre Flucht machte ihn zur Legende. Doch nun fand Howards Geschichte aus dem Kalten Krieg ein ebenso plötzliches wie mysteriöses Ende: Mitte Juli soll er bei einem Treppensturz in seiner Moskauer Datscha ums Leben gekommen sein. "Genickbruch", heißt es in der E-Mail eines Freundes, die der Autor von Howards Biografie am vergangenen Wochenende empfing. Bisher gibt es keine offizielle Bestätigung. "Die Russen versuchen, es zu vertuschen", zitierte die "Los Angeles Times" am Montag aus dem Schreiben.
Es sind wohl Geschichten wie diese, die bis heute die Faszination der Agentenwelt ausmachen. Von ihr lebt auch das neu eröffnete "International Spy Museum" in Washington. Auf rund 58.000 Quadratmetern findet sich hier seit dieser Woche die größte Spionage-Ausstellung der Welt.
Replik des Spionage-Tunnels unter Berlin: Zwei Jahre in die Irre geführt
Foto: Juan Llorca
Leben hinter dem Eisernen Vorhang: Ein aufgeschnittener Trabant dient zur Veranschaulichung
Foto: Juan Llorca
Spione im ersten Weltkrieg: Brieftauben mit umgehängten Kameras
Foto: Juan Llorca
Auch Merchandising gehört zum Spionage-Geschäft: Im Museums-Shop gibt's alles, was das Herz des Amateur-Agenten begehrt
Foto: Juan Llorca
Schmuckstück der Ausstellung: Seltene Enigma-Codiermaschine der Deutschen im Zweiten Weltkrieg
Foto: Spy Museum
Interaktion und Action für die Besucher: Darsteller demonstrieren wagemutige Agenten-Stunts an der Museums-Fassade
Foto: Steven Geyer
Einfallsreiche Agenten: Selbst Münzen dienten den Spionen als Versteck für Wanzen und Nachrichten
Foto: Spy Museum
Glamour des Undercovergewerbes: Marlene Dietrich als Heldin des Widerstands
Foto: Juan Llorca
Brisante Überwachungsspiele: Kameras beobachten die Museumsbesucher auf Schritt und Tritt
Foto: Juan Llorca
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Die Geschichte von Edward Howard würde gut in dieses Museum passen, denn auch in seinen Ausstellungen geht es um die Schicksale einzelner Agenten, um ihre Erfolge und Misserfolge. "Das Museum ist neutral, wir fällen keine Urteile", sagt Gründer Milton Maltz, der zur Eröffnung eine Baseballkappe mit der Aufschrift "Spion" und eine Krawatte in den Farben der US-Flagge trägt. "Wir haben bei jedem Ausstellungsstück entschieden, ob wir es interessant und wichtig finden." Geschäftsführer Dennis Barrie gibt aber zu, dass es leichter war, an Reliquien kommunistischer Geheimdienste zu kommen, die ihnen vom CIA oder Militär abgenommen worden waren. Etwa die als Lippenstift getarnte Pistole namens "Todeskuss", ein hinter einem Mantelknopf versteckter Fotoapparat, ein Abhörgerät in Schuhform oder die Stasi-Kamera, die durch die Wand hindurch fotografiert. Eigene Spiontechnik - sei sie noch so antiquiert - rückten die amerikanischen Agenten kaum heraus. "Ich hoffe aber, dass wir durch Austauschprogramme mit Museen in Osteuropa bald auch einige amerikanische Stücke zeigen können", erklärt Barrie.
Die Expertise für das Washingtoner Museum kommt jedoch aus beiden Lagern. Während Museumsdirektor Peter Earnest 36 Jahre lang für den CIA in Europa und im Nahen Osten stationiert war, sitzt ihm im Vorstand Oleg Kalugin, ein ehemaliger KGB-General gegenüber. Kalugin spionierte mehr als 30 Jahre lang für den sowjetischen Dienst, unter anderem als Journalist bei der Uno in New York. Wegen seiner freimütigen Autobiografie wurde er jüngst wegen Verrats zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren verurteilt - in Abwesenheit, denn Kalugin lebt längst in Washington.
Die Wirklichkeit ist spannender als James Bond
"Wir glorifizieren den Agentenjob nicht", sagt Milton Maltz und fügt etwas staatstragend hinzu: "In einer Demokratie ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit ein realistisches Bild vom Geschäft der Geheimdienste hat." Dem Museum merkt man aber auch an, dass Maltz, der als Erfinder der berühmten "Rock'n'Roll Hall of Fame" in Cleveland den Typus des Entertainment-Museums mitbegründete, eine jahrzehntealte Passion auslebt. "Schon als Kind war ich begeistert von Agentenbüchern", erinnert er sich. Bevor er als Chef der Malrite Company mit Radio- und TV-Sendern Millionen machte, arbeitete Maltz für die National Security Agency, den geheimsten aller Geheimdienste mit Späh-Satelliten und Horchposten in aller Welt. Vor sieben Jahren hatte er die Idee für das Spionage-Museum. Am Ende kostete es 40 Millionen Dollar, mehr als die Hälfte spendierte Maltz selber.
Vom Aston Martin bis zum halben Trabi
Drinnen jagt immerhin eine Attraktion die nächste: Ein Aston Martin DB 5, wie ihn James Bond in "Goldfinger" fuhr - mit Maschinengewehr hinter dem Blinker, Schleudersitz und rotierendem Kennzeichen - ist ebenso zu finden wie eine Stasi-Ausstellung mit dem einstigen Geheimdienst-Chef Markus Wolf im Mittelpunkt. Das Leben hinter dem eisernen Vorhang wird unter anderem mit einem ganzen Trabant und einem halben, nämlich im Querschnitt, veranschaulicht. Die Ausstellung "Berühmtheiten als Spione" bedient dann aber doch noch das Glamour-Image der Undercover-Arbeit, indem sie eine Agentenparade von Marlene Dietrich über Josephine Baker bis Mata Hari auffährt.
Viele der Exponate sind zum ersten Mal öffentlich ausgestellt, andere liegen nicht nur hinter Glas, sondern sind live im Einsatz. So ist jeder Raum verwanzt und von versteckten Minikameras überwacht, so dass man am Ende der Ausstellung selbst zum Spitzel werden und andere Besucher belauschen kann. Was so spielerisch wirkt, ist freilich brisant - gerade jetzt, da Bürgerrechtler einen Überwachungsstaat im Namen der Terrorjagd fürchten. Doch auch darauf geht das Museum ein und zeigt bedrückende Propagandafilme aus der "Hexenjagd"-Zeit des FBI unter Edgar J. Hoover. Der Vorführraum blieb am Wochenende jedoch relativ leer, während es in der Abteilung "21. Jahrhundert", wo es Filme über die Geheimdienstjagd auf Osama Bin Laden zu sehen gibt, keinen einzigen Sitzplatz mehr gab.
Ein Schmuckstück der Ausstellung ist die unscheinbare, aber kostbare Enigma-Codiermaschine, der das Museum sogar einen eigenen Raum widmet. "Die Deutschen haben sie im zweiten Weltkrieg genutzt. Ihr Code galt lange als unknackbar", erzählt David Kahn, weltweit führender Entschlüsselungs-Experte und inzwischen im Beraterstab des "Spy Museum" engagiert. "Codierung und Decodierung gehört zu den wichtigsten Aktionen in jedem Konflikt", sagt Kahn. "Wenn eine Botschaft abgefangen und entschlüsselt wird, hat der Gegner einen unglaublichen Vorteil." Am faszinierendsten sei, dass die Technik noch so perfekt sein kann - die Codes würden meistens doch geknackt. "Weil die Menschen, die die Technik bedienen Fehler machen", sagt er lachend. Im Falle der Enigma waren es die Briten, die das Geheimnis der vertrackten Verschlüsselung dann doch noch lösen konnten.
- Spy Museum in Washington -:offizielle Website
- Das "Spionage-Paket" der Washington Post
- Deutsches Museum -:Homepage über die Enigma-Codiermaschine
"Die Roten haben das Geheimnis!"
Museums-Gründer Maltz will "kein verstaubtes Museum, das Informationen nur in Vitrinen stellt" und bietet seinen Besuchern daher auch moderne Technikspielereien und reichlich Interaktion. Hier darf man deutsche U-Boote am Radar aufspüren, dort bekommt man eine falsche Identität und muss einen digitalen Grenzposten passieren, und in einem Kellerbunker erzählt eine Multimediashow vom Geheimnis der Atombombe: Wie Albert Einstein fürchtete, die Deutschen würden daran arbeiten, wie die Amerikaner unter Hochdruck und noch höherer Geheimhaltung ihre Version erschufen und wie sie schließlich erfahren mussten: "Die Roten haben das Geheimnis!" Als diese Schlagzeile an der Wand aufblitzt, wackelt der Boden zu Explosionsgeräuschen und zuckendem roten Licht. Ein Stückchen weiter geht es schlichter zu: Hier ist jener 150 Meter lange Tunnel nachgebaut, den Amerikaner und Briten 1954 in Berlin zum Anzapfen ostdeutscher Telefone gruben. Was sie nicht wussten: Der KGB hatte davon längst erfahren und versorgte den CIA zwei Jahre lang fleißig mit irreführenden Informationen.
"Ich finde es atemberaubend, was sich auf dem Feld der Spionage in den letzten Hundert Jahren getan hat", sagt Milton Maltz. "Wir zeigen hier Brieftauben, die im Ersten Weltkrieg mit Fotoapparaten um den Hals über feindliche Stellungen flogen. Und vor dem Ausgang kann man durchs Internet surfen, das die amerikanischen Geheimdienste gerade verzweifelt nach geheimen Terroristen-Botschaften durchsuchen." Dass seine Museumseröffnung nach vier Jahren Bauarbeiten nun in eine Zeit fällt, in der das Thema Spionage so aktuell ist wie lange nicht mehr, ist freilich Zufall. Für Maltz beweist das nur, wie wichtig sein Lieblingsthema tatsächlich ist.
Das bekam er inzwischen sogar schriftlich bestätigt: "Am Abend vor der Eröffnung", raunt der Museumsgründer stolz, "hat mir Präsident Bush in einem Brief zu der Idee gratuliert und mir alles Gute gewünscht." Maltz hat ihn schon zu einer Privatführung eingeladen. Inkognito, versteht sich.