Star-Choreograf Cherkaoui: Glaube, Mythos, Hoffnung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Star-Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui: Schuld und Bühne

Foto: Koen Broos

Star-Choreograf Cherkaoui Glaube, Mythos, Hoffnung

Es ist ein Spagat, den wohl keiner so beherrscht wie er: Der belgische Tanztheaterchef Sidi Larbi Cherkaoui verhandelt philosophische Themen fast ohne Worte, dafür oft mit Komik. In Ludwigsburg sind nun gleich zwei seiner Ausnahme-Produktionen zu sehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was ist der Mensch? Wo kommt er her, wie bestimmt ist er von seinen tierischen Instinkten, wie sehr kann die Menschheit auf das vertrauen, was sie Zivilisation nennt? Und ist eine Verständigung über alle kulturellen, sprachlichen, religiösen Barrieren hinweg möglich?

Ziemlich komplizierte Fragen für einen einzigen Abend, zumal wenn das Ganze nicht diskutiert, sondern, wie bei dem belgischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, getanzt werden soll. Andererseits ist gerade das der entscheidende Vorteil: Die Fragen bleiben nicht abstrakt, sie werden anschaulich und bekommen eine Dynamik.

Die Physik der Körper ist bei Cherkaoui, 34, schon immer mit der Metaphysik verbunden gewesen - genau das hat ihn zu einem international gefragten Ausnahmekünstler gemacht. Denn im Gegensatz zu anderen wirkt die Kombination bei ihm immer "zwingend und unverkrampft" ("FAZ").

Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen sind nun gleich zwei Stücke von Cherkaoui zu Gast, die sich explizit mit metaphysischen Themen auseinander setzen: "Myth" (Mythos) aus dem Jahr 2007 am 21. Juli, "Foi" (Glaube) von 2003 am 24. und 25. Juli.

Brutal und komisch

Sie gehören zu einer Trilogie, die der unermüdlich arbeitende Choreograf in diesem Jahr mit "Babel" abgeschlossen hat. "Babel" erlebte gleich zum Auftakt der Schlossfestspiele Anfang Juni seine deutsche Erstaufführung. Ein furioses, hochenergetisches, manchmal brutales, oft aber auch sehr komisches Stück über das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Kulturen, Sprachen und Religionen.

Wer "Babel" gesehen hat, dem muss man nicht sagen, dass er sich auch "Myth" und "Foi" anschauen sollte. Und wer "Babel" verpasst hat, der sollte wenigstens jetzt die Chance nutzen (und sich den Abschluss der Trilogie dann vielleicht nachträglich in Hamburg auf Kampnagel oder in Berlin im Rahmen von "Spielzeit Europa" anschauen).

"Foi", unter dem Eindruck des 11. September entstanden, spielt zwischen grauen Häuserfassaden, die Bühne ist staubbedeckt. Ein Endzeit- oder Kriegsszenario. In dem Stück geht es darum, was der Glaube dem Menschen sein kann, aber auch was Konzepte wie "Schuld" und "Sünde" in ihm anrichten können, und natürlich geht es um religiösen Fanatismus.

Zwar sagt der in Antwerpen aufgewachsene Choreograf Cherkaoui, der von seinem marokkanischen Vater muslimisch erzogen wurde, von seiner flämischen Mutter katholisch, dass Bewegung das Einzige sei, woran er glaube. Aber dass dies das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Glauben ist, sieht man all seinen Arbeiten an.

Mittelalterliche Klänge

"Myth", das in einer alten Bibliothek spielt, einem Hort europäischer Kulturtradition, beginnt beinahe als Komödie. Aber zwischen den Büchern liegen Knochen, und bald tauchen auf der Bühne immer mehr wilde Tiere auf - der Mensch hat eine animalische Seite, sie zu leugnen, hilft nichts. Die Kritikerin der "Süddeutschen Zeitung" fühlte sich an ein getanztes "Hieronymus-Bosch-Gemälde mit zeitgenössischen Bezügen" erinnert. Wohl auch wegen der Musik: Wie bei "Foi" dominieren mittelalterliche Klänge, live auf der Bühne gespielt und gesungen.

Düsternis und Gewalt sind allerdings nicht die prägenden Eindrücke, die man von einem Cherkaoui-Abend mit nach Hause nimmt. Am Ende gibt es immer einen Lichtblick.

Denn tief im Inneren ist Cherkaoui ein Humanist.


Ludwigburger Schlossfestspiele.  Myth am 21.7.; Foi am 24. und 25.7., Tel. 07141 939636.