Steinmeier bei Beckmann Sauer in der Plauderecke
Vielleicht sollte er einfach mal wieder seine grüne Brille rausholen. Es muss ein unterhaltsamer Anblick gewesen sein, als sich Frank-Walter Steinmeier Anfang der neunziger Jahre bei seinem späteren Mentor Gerhard Schröder in Hannover vorstellte. Unterhaltsamer jedenfalls als am Montagabend, als der SPD-Kanzlerkandidat beim Dauertalker Reinhold Beckmann saß und eine weitgehend dröge Vorstellung gab.
Was mindestens zur Hälfte am Gegenüber lag. Beckmann jagte Steinmeier von einer erwartbaren Frage zur nächsten. Was er denn besser als Angela Merkel könne? Ob er auch mal Gazprom-Manager werden würde wie Schröder? Ob er mit seiner Frau über die Kanzlerkandidatur gesprochen hätte?
Bitte, was soll er denn sagen? Nein, meine Frau ist mir egal, der einzige, dem ich mich anvertraute, war Franz Müntefering?
Dass die Augenlider vieler Zuschauer schwer geworden sein dürften, lag aber auch an Steinmeier selbst. Es ist ja ehrenhaft, dass er noch immer keinen Wahlkampf machen will. Aber ein bisschen mehr Merkel-Bashing hätte man sich schon gewünscht. Stattdessen sagte der Kandidat mit Blick auf die Kanzlerin: "Wir haben sicherlich etwas unterschiedliche Stile." Oha.
Der Kick der Anekdote
Zur Halbzeit kam seine Biografie ins Spiel. Deshalb war er ja eigentlich gekommen: Die Menschen müssen ihn langsam kennenlernen, es sind ja nur noch rund sechs Monate bis zur Bundestagswahl. Aber es könnte mal ein bisschen mehr sein als die immer gleichen Momentaufnahmen seiner Kindheit. Über Anekdötchen aus seiner Heimatstadt Brakelsiek, auf deren Bolzplätzen Steinmeier unter dem Namen "Prickel" gefürchtet war, kam man am Montag jedenfalls nicht hinaus.
Einfach mal ein bisschen plaudern, das ist Steinmeiers Sache nicht. Er machte einen missmutigen Eindruck, hielt seine Antworten knapp, schien gequält, als denke er: "Jetzt fängt der schon wieder von Brakelsiek an!"
Man kann es ja verstehen: Vor ein paar Wochen war Steinmeier bei Sandra Maischberger zu Gast, vergangene Woche stellte er in Leipzig sein neues Buch "Mein Deutschland" vor, dem "Stern" gab er ein gewollt gefühliges Interview. Er muss zurzeit fast immer dasselbe erzählen. Ganz schön hart, diese Menschwerdung.
Aber da musste Gerhard Schröder auch durch. Apropos Schröder: Gibt es da nicht ein gewisse Ähnlichkeit? "Wir sind 15 Kilometer entfernt aufgewachsen", sagte Steinmeier. Gemein hätten sie "vielleicht dieses westfälische Timbre", womit er wohl das heisere Röhren meint, das immer so klingt, als stünde der Irak-Kriegseinsatz unmittelbar bevor.
"Ich bin ja kein roher Geselle"
Ansonsten war bei seinem Auftritt nicht viel von seinem Mentor zu erkennen. Wo Schröder kurz vor Mitternacht das Staatsamt mal Staatsamt hätte sein lassen, gab Steinmeier sich durchweg bürokratisch-brav. Er sprach über die Finanzkrise, über Rezepte, die Konjunktur zu stimulieren und Arbeitsplätze zu retten, streifte Opel und mögliche Rettungsszenarien und erklärte Bildung zur "politischen Frage des nächsten Jahrzehnts".
Die Sendung plätscherte dahin - da wäre es fast noch zum Eklat gekommen.
Beckmann fragte Steinmeier, warum denn Murat Kurnaz, der ehemalige Guantanamo-Häftling, nicht in seinem neuen Buch vorkomme. "Herr Beckmann, ich schätze Sie sehr", antwortete Steinmeier sichtlich gereizt. "Aber Sie können doch nicht so tun, als ob dieser Untersuchungsausschuss nicht stattgefunden hätte?" Richtig, der Untersuchungsausschuss. Der soll immer noch klären, ob die Regierung Schröder ein Angebot der USA ausschlug, Kurnaz vorzeitig nach Deutschland zu lassen.
Beckmann hakte nach: "Hätten Sie helfen können?" Steinmeier: "Das ist ja immer dieselbe Frage." Moderator: "Haben Sie Fehler gemacht?" Kanzlerkandidat: "Ich bin ja kein roher Geselle, wie Sie wissen." - "Würden Sie sich mit Herrn Kurnaz auf eine Bühne setzen?" Steinmeier lief rot an. Das Thema gefiel ihm gar nicht. "Ich habe mit Herrn Kurnaz doch keinen persönlichen Streit gehabt."
Wenigstens eines wissen wir jetzt: Steinmeier kann auch sauer werden. Soll ja helfen im Wahlkampf.