Steve McQueen Ekstase in Slow Motion
Wien ist ja eine Erfindung des Barock. Einerseits. Andererseits ist Wien schrill und dynamisch und voller Kultur. Weshalb auf dem Areal hinter den Hofstallungen schon seit Jahren für die Moderne gewerkelt wird: Dort, im Museumsquartier, befindet sich Europas größte Kulturbaustelle. Es entstehen ein Museum moderner Kunst, ein Haus für die berühmte Sammlung Leopold und ein Architektur-Zentrum. Im Juni wird die Eröffnung gefeiert, dann verfügt Österreichs museale Hauptstadt über eine der zehn größten Kulturbezirke der Welt, allein die Nutzfläche umfasst 60.000 Quadratmeter.
Vorher gibt es jetzt schon mal ein bisschen Avantgarde zu schnuppern. In dem neuerbauten Haus der Kunsthalle sind derzeit Arbeiten von Steve McQueen zu sehen. Der 1969 in London geborene Videokünstler gilt als heimlicher Star der internationalen Kunstszene: In den vergangenen vier Jahren haben nicht weniger als 18 Museen Arbeiten von ihm angekauft, darunter die Tate Gallery in London, das Centre Pompidou in Paris und das Guggenheim Museum in New York. Für seinen innovativen Umgang mit der Kamera wurde er 1999 mit dem Turner Prize ausgezeichnet, dem renommiertesten Preis, den Großbritannien an zeitgenössische Künstler zu vergeben hat.
Und trotzdem bewegt sich Steve McQueen jenseits der schockbewussten Brit-Art, kommt ganz ohne Provokation aus. In seinen ersten Filmen, allesamt Stummfilmen, verwendete er ausschließlich grobkörniges Schwarz-Weiß-Material und stellte so eine Parallele zur Frühzeit des Kinos her. Immer wieder verweigert er sich kommerziellen Sehgewohnheiten. Wie in seiner 1993 entstandenen Arbeit "Bear": einem Reigen wuchtiger Bildsequenzen zwischen Attraktion und Aggression, in dem die Kamera zwei nackte schwarze Männer umkreist.
Ein ungewöhnliches Filmexperiment stellt die raumfüllende Installation "Drumroll" aus dem Jahr 1998 dar: McQueen rollte ein Fass durch die Geschäftsstraßen von Manhattan, wobei drei darin befestigte Kameras für die unterschiedlichen Diogenes-Perspektiven der sich drehenden Bilder, für tiefe Blickwinkel und extreme Naheinstellungen sorgen. Begleitet wird die Schwindel erregende Bildertrommel vom Originalsound der Straßengeräusche, weshalb Steve McQueen diese Arbeit denn auch "New York-Musical" nannte.
Ebenfalls auf der Straße beobachtete Szenen verdichtet McQueen zu starken poetischen Metaphern in der letztes Jahr entstandenen Arbeit "Current": Eine Dia-Überblendung, die die Bewegungen und Lichtreflexionen eines Flusses wiedergibt. Ein meditatives Fließen ist da zu beobachten, ein geradezu malerischer Hang zu atmosphärischen Erscheinungen, Unschärfen und Verwischungen. Wie überhaupt alle seine Arbeiten keine Höhepunkte besitzen, sondern gekennzeichnet sind durch ein kraft- und geheimnisvolles Dahinfließen.
Sein neuestes Werk heißt "Girls Tricky". Der Film zeigt den TripHop-Musiker bei der Aufnahme eines Tracks im Tonstudio. Wie betört von der Musik filmt ihn die Kamera in einem schnittlosen Schwenk ab. Eine 15-minütige Ekstase in Slow Motion, die im größtmöglichen Gegensatz zur handelsüblichen Videoclip-Ästhetik steht.
"Steve McQueen": Kunsthalle Wien, Neues Haus, Museumsquartier, bis 19. August 2001