Stillstand am Ground Zero: Fegefeuer der Eitelkeiten - DER SPIEGEL
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Stillstand am Ground Zero Fegefeuer der Eitelkeiten

Viereinhalb Jahre nach dem Attentat vom 11. September 2001 klafft an der Südspitze Manhattans noch immer eine hässliche Wunde. Die Bebauung von "Ground Zero" scheitert am Ego des Grundstück-Pächters Larry Silverstein und den Machtspielen der New Yorker Politik-Größen.
Von Sebastian Moll
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Larry Silverstein gab sich kampfeslustig, als er im vergangenen Sommer den vorerst ultimativen Entwurf für den "Freedom Tower", den neuen Wolkenkratzer auf dem Gelände des World Trade Center in Manhattan, der Öffentlichkeit vorstellte: "Sollen sie doch kommen, die Terroristen", pries der hemdsärmelige New Yorker Unternehmer den Bauplan. "An diesem Gebäude werden sie sich die Zähne ausbeißen."

Mittels seines Pachtvertrages für das Ground-Zero-Gelände wurde Larry Silverstein am 11. September 2001 unversehens in den Mittelpunkt des Weltinteresses katapultiert. Und er genießt es, dass er nicht mehr bloß Bürohäuser baut, sondern plötzlich Schulter an Schulter mit seinem Präsidenten dem internationalen Terrorismus die Stirn bietet. So sehr hat er sich an seine gewachsene Bedeutung im Weltzusammenhang gewöhnt, dass er auf Gedeih und Verderb an seiner neuen Rolle fest hält. Auch wenn er damit den ohnehin schon hoffnungslos verzögerten Wiederaufbau von Ground Zero lahm legt.

In der Nacht zum Mittwoch sind die Verhandlungen zwischen Silverstein, dem Grundstückseigner - der Transport- und Flughafenbehörde Port Authority - sowie dem New Yorker Gouverneur George Pataki über den Baubeginn vorläufig zusammengebrochen. Der Gouverneur will dringend vor dem fünften Jahrestag des Attentats Bewegung in der Baugrube sehen und hat deshalb den Druck auf Silverstein erhöht. Silverstein hingegen zankt, wie schon seit dem 11. September 2001, unnachgiebig mit der Port Authority um die Details der Finanzierung.

Silverstein möchte sich gerne als Bebauer des gesamten Geländes ein Denkmal setzen, aber viele Beobachter mutmaßen, dass er sich damit zu viel zumutet. Die Port Authority verlangt für das Ground-Zero Gelände 125 Millionen Dollar jährlich an Miete. Für das World Trade Center hat Silverstein 2,9 Milliarden an Versicherungsgeldern eingestrichen; die Kosten für die Bebauung des gesamten Geländes werden jedoch auf 7,3 Milliarden geschätzt. Und die Vermietung des geplanten Freedom Tower läuft zäh - bislang möchte sich keine Firma darauf festlegen, in ein Gebäude einzuziehen, das laut "New York Magazine" "eine Versuchung für alle ehrgeizigen Terroristen der Welt" ist.

Jetzt möchte Silverstein den Mietpreis bei der Port Authority drücken. Die Behörde ihrerseits ist misstrauisch geworden, ob es richtig war, ihm die Hoheit über das gesamte Projekt zu übertragen und versucht, einen Teil der Bebauung wieder in die eigenen Hände zu bekommen. Sie folgt damit der Stadt New York, die schon lange skeptisch gegenüber Silverstein ist: bereits vergangenes Jahr hatte der stellvertretende Bürgermeister Daniel Doctoroff befürchtet, der Baumagnat würde zwei der geplanten sieben Häuser bauen, dabei alle verfügbaren Mittel aufbrauchen und ein halbfertiges Projekt sowie leere Kassen hinterlassen.

Bislang hatte Silverstein jedoch wenigstens in Gouverneur Pataki einen treuen Verbündeten. Doch jetzt scheint auch dem Staats-Oberhaupt von New York der Geduldsfaden zu reißen. "Wir können es nicht erlauben, dass private Finanzinteressen verhindern, dass die Stätte der größten Tragödie der amerikanischen Geschichte wieder aufgebaut wird", sagte Pataki nach den abgebrochenen Gesprächen. Silverstein, so Pataki, solle mit dem Bau beginnen oder das Feld räumen.

Daran, dass am Ground Zero bislang noch kaum etwas geschehen ist, hatte Pataki allerdings selbst maßgeblichen Anteil. "Für den Großteil der vier Jahre seit dem 11. September", schreibt Kurt Andersen, Kolumnist des "New York Magazine", "hat Pataki das Chaos am Ground Zero ignoriert. Zwischendrin gab es lediglich kurze Ausbrüche des Aktivismus, wenn es seinen PR-Zwecken gedient hat." So hatte Pataki die Architekten gehetzt, einen neuen Entwurf für den Freedom Tower hinzubasteln, nachdem die Polizei für den ursprünglichen Plan keine Baugenehmigung erteilt hatte. Das Ergebnis ist ein Wolkenkratzer, der von der Kritik als Katastrophe empfunden wird: "Es ist das Monument einer Gesellschaft, die jeglicher kulturellen Offenheit den Rücken gekehrt hat", schrieb etwa Nicolas Ourousoff in der "New York Times". "Es ist in einer Weise faszinierend, wie Albert Speers architektonische Alpträume auch faszinierend waren."

Der Zusammenbruch der Verhandlungen über den Baubeginn ist indes nur das jüngste Kapitel einer peinlichen Posse, die besser in eine Provinzkapitale passen würde als in eine Metropole mit Weltstadt-Anspruch. Keiner der Beteiligten sieht dabei gut aus. "Das Ganze kann man nur noch als Farce bezeichnen", schrieb Frank Rich in der "New York Times". "Es ist eine polternde Polit-Saga, zu deren handelnden Personen ein habgieriger Bauherr gehören, ein nerviger Architekt mit einem noch nervigeren Brillengestell, ein Gouverneur mit wahnhaften Ambitionen auf die Präsidentschaft und einem Bürgermeister, der davon besessen ist, das einzige Ziel nach New York zu holen, dass für Terroristen noch attraktiver ist, als der Freedom Tower: die Olympischen Spiele."

Das unwürdige Tauziehen um den Freedom Tower zwischen Daniel Libeskind und dem Architekten der Port-Authority, David Childs, war nur der erste Akt dieser Farce. Das Gezerre um die Gedenkstätte und vor allem um das Kulturzentrum ein weiterer: Beide geplanten Mieter für das Zentrum, die Kunst-Galerie Drawing Center und das "International Freedom Center" - Museum wurden auf politischen Druck von verschiedenen Seiten wieder ausgeladen. Immerhin ist man an dieser Stelle jetzt so weit gekommen, mit Alice Greenwald vom Holocaust Museum in Washington eine hoffentlich unkontroverse Projektleiterin zu benennen.

Auch an anderer Stelle sind in Südmanhattan wenigstens leichte Fortschritte zu verzeichnen. Erst vergangene Woche wurde der Grundstein für das Mahnmal gelegt. Allerdings zeichnen sich auch dort schon wieder Komplikationen ab: Die Opfer-Familien haben angekündigt, eine Unterlassungsklage gegen den Bau anzustrengen, weil der Plan nicht den Denkmalschutzbestimmungen entspreche.

Ganz am Rand von Ground Zero, an der Greenwich Street, hat Larry Silverstein unterdessen unauffällig und einigermaßen unbehelligt bereits die ersten 700 Millionen seiner Versicherungsmilliarden zu Stahl und Glas gemacht. Der 52-stöckige Wolkenkrater mit der Anschrift 7 World Trade Center eröffnet im Mai und hat auch schon einen Mieter: eine Immobilienfirma aus Peking.

Sogar die Installation eines Gedenkkunstwerkes verlief hier, in sicherer Entfernung zum umkämpften Grundriss der Zwillingstürme, vergleichsweise reibungslos. Jenny Holzer, die ansonsten für systemkritische Parolen in Neon bekannt ist, hat in der Lobby eine 20 Mal 4 Meter große Wand aufgebaut, über die fortlaufend literarische Zitate flimmern. Um das notorische Ground-Zero-Gezänk zu vermeiden, erlaubte Holzer Silverstein sogar, Zitate zu löschen, gegen die er Bedenken hat. Allerdings kann Holzer auch jederzeit neue Stücke in den acht Stunden langen Text einfügen: "Ich hoffe es immer wieder zu füttern und am Leben zu erhalten", sagt sie. Auch dann noch, wenn Silverstein sich längst aus dem Staub gemacht hat, Bloomberg und Pataki im Ruhestand sind und die Familien der Angehörigen des Streitens um den geheiligten Boden überdrüssig.

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