Straßenbiertrinker: Prost, Alter, wir sind die Coolsten! - DER SPIEGEL
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Straßenbiertrinker Prost, Alter, wir sind die Coolsten!

Jede Epoche hat ihre Nervensägen. In seinem Buch "Meide deinen Nächsten" beschreibt Stadtneurotiker Reinhard Mohr die Plagegeister der Gegenwart. SPIEGEL ONLINE bringt Auszüge: Diesmal poltert der Autor gegen Szene-Typen, die mit Bierpulle am Hals durch die Straßen ziehen.
Mitgliedsausweis der happy crowd: Ohne Flaschenbier geht auf der Szenemeile nichts mehr
Mitgliedsausweis der happy crowd: Ohne Flaschenbier geht auf der Szenemeile nichts mehr

Mitgliedsausweis der happy crowd: Ohne Flaschenbier geht auf der Szenemeile nichts mehr

Foto: ddp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nein, es geht nicht um den Alki von nebenan, den bedauernswerten Menschen, dessen letzter und einziger Trost Bier und Schnaps sind, die täglichen Betäubungsmittel seines wenig erfreulichen Daseins, kurz: um den klassischen Alkoholiker. Es geht um jene schicken jungen Menschen, die teils schon mittags, überwiegend aber am frühen Abend und erst recht nachts durch die Straßen ziehen und ihre Bierflasche in der rechten Hand halten wie ein cooles Accessoire. So schlendern sie durch das Dickicht der Städte und nehmen ab und an einen Schluck aus der schlanken Marken-Pulle, die erstaunlicherweise stets halb leer ist. Es muss also, geostrategisch gut verteilt, überall Krombacher-, Jever-, Flens- und Köpi-Tankstellen geben, an denen sich die Jeunesse Ivresse, die Party-Generation der Bessertrinkenden, immer wieder mit frischem Bölkstoff versorgen kann.

Von Ferne erinnert das legere Mitschleppen des abgefüllten Gerstensafts an glutheiße Sommer in New York, wo viele, vor allem jüngere, sportliche Bürger, ihre Plastikwasserflasche in der Hand tragen, als liefen sie andernfalls Gefahr, mitten in Manhattan zu verdursten. Life is adventure, wollen sie uns mitteilen, gefährlich und aufregend zugleich. Und es macht durstig. Bei besonders gut gebauten und eher spärlich bekleideten WasserflaschenträgerInnen fühlt man sich an die Campari-Werbung erinnert: Das Leben als mobil-erotischer Dauerspaß rund ums flüssige Produkt. Und alles outdoor, immer schön draußen. Viele sehen dabei aus, als kämen sie gerade vom Hochsprungtraining in der Bronx oder bereiteten sich schon auf den nächsten New York Marathon über die Brooklyn Bridge vor.

Die Flasche - perlernder Mitgliedsausweis der happy crowd

Der deutsche Straßenbiertrinker lässt es etwas ruhiger angehen. Seine sportliche Betätigung heißt "Vorglühen", die alkoholgestützte mentale Vorbereitung auf das abendliche Ausgehen. Man bringt sich in Stimmung, und das in aller Öffentlichkeit. Andere mögen sich zu Hause vor der Glotze zudröhnen - der Straßenbiertrinker jedoch zeigt, dass er nichts zu verbergen hat und sich in allerbester Gesellschaft befindet. Natürlich ist er kein Alki oder Asi, kein Eckensteher oder Torkelbruder. Geradezu aufdringlich demonstriert er, wie souverän er mit der populären Spaßdroge umgehen kann. Denn Spaß ist ihm alles. Ihr übrigens auch.

Die Bierflasche ist der perlende Mitgliedsausweis der happy crowd, das Erkennungszeichen all derer also, die zu leben verstehen und wissen, wo es langgeht. Im Zweifel immer geradeaus, on the way to the next Whiskey-Bar, meist also zum nächsten Szeneclub in town.

Daneben garantiert das wohlgeformte Produkt auch ein Überlegenheitsgefühl gegenüber all den Spießern, die ihr Pils nach Feierabend in der speckigen Eckkneipe trinken oder es zu Hause mühsam aus dem Bierkasten im Keller fingern.

Am Ende aber geht das gläserne Emblem des Straßenbiertrinkers den Weg alles Irdischen: Es zerschellt an einer Bordsteinkante. Die fliegende Bierflasche wird zum "inneren Erlebnis" (Ernst Jünger). Ein letztes existenzialistisches Fanal der Freiheit, die Geste einer elementaren Großzügigkeit, die mit kleinlichen Dingen wie Pfandrückgabe, Kehrbesen, Schaufel und Getrenntmüllsammlung absolut nichts am Hut hat.

Während der nachfolgende Radfahrer über die gläsernen Scherben der souveränen Augenblicksentscheidung schreddert, schwebt ihr vormaliger Besitzer schon längst einem höheren Aggregatzustand der Lebenslust entgegen

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